BARE-FACED MESSIAH
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Kapitel 7

Schwarze Magie und Betty

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“Hubbard brachte die schwarze Magie in Amerika zu Fall ... dadurch, daß er als Schriftsteller und Philosoph sehr bekannt war und Freunde unter den Physikern hatte, wurde er geschickt, um die Situation zu handhaben [nämlich daß Schwarze Magie in einem Haus in Pasadena praktiziert wurde, das von einem Nuklearphysiker bewohnt wurde]. Er ging dorthin, lebte in diesem Haus und erforschte die schwarzmagischen Riten und die allgemeine Situation dort und fand sehr üble Zustände vor ... Hubbards Mission war über alle Erwartungen erfolgreich. Das Haus wurde abgerissen. Hubbard rettete ein Mädchen, das sie benutzt hatten. Die schwarzmagische Truppe wurde aufgelöst und erholte sich von diesem Schlag niemals wieder.” (Darstellung der Scientology-Kirche, Dezember 1969)

 

 

(Scientology's Zusammenfassung der Jahre 1945-46)

*   *   *   *   *

Hubbard war nach dem Krieg drei Monate lang Patient des Oak Knoll Marinekrankenhauses, obwohl die Ärzte sich nicht sicher waren, was genau ihm eigentlich fehlte. Er war mit Sicherheit weder blind noch verkrüppelt, doch litt er offenbar an endlosen kleineren Wehwehchen. Seine ärztliche Akte zeigt, daß er nahezu jede Woche umfassend untersucht wurde, da er über die verschiedensten Bescherden klagte wie Kopfschmerzen, Rheuma, Bindehautentzündung, Schmerzen in der Seite, Arthritis, Hämorrhoiden ... seine Leiden schienen endlos zu sein. Manchmal konnten die Ärzte Symptome finden, manchmal nicht. Im September beispielsweise wurde er wegen eines Magengeschwürs für untauglich erklärt, doch im November wurden seine Leiden als “minimal” beschrieben.

Natürlich ist es möglich, daß Ron einfach den Boden aufbereitete, um eine Veteranenpension beanspruchen zu können, denn er verschwendete keine Zeit, um den entsprechenden Antrag zu stellen. Lieutenant Hubbard wurde am 5. Dezember 1945 aus der Marine ausgemustert und bereits am folgenden Tag beantragte er auf der Basis folgender Beschwerden die Pension: Verknackstes linkes Knie, Bindehautentzündung, chronisches Zwölffinderdarmgeschwür, Arthritis in seiner rechten Hüfte und Schulter, immer wiederkehrende Malaria und sporadische undiagnostizierbare Schmerzen in seiner rechten Seite und im Rücken.[1]

Auf dem Antragsformular gab Ron an, daß seine Frau und die Kinder bei seinen Eltern an der Adresse 1212 Gregory Way, Bremerton, wohnten, bis er sich ein eigenes Haus würde leisten können. Er beschrieb sich selbst als freischaffenden Schriftsteller mit einem monatlichen Einkommen von 0.00 $; er behauptete, daß sein durchschnittliches monatliches Einkommen bei ungefähr 650 $ gelegen habe, bevor er der Marine beigetreten sei.

Zufrieden damit, daß er einen überzeugenden Pensionsantrag unterbreitet hatte, fuhr Ron vom Ausmusterungszentrum für Offiziere in San Francisco mit einem alten Packard mit Anhänger im Schlepptau ab, die er beide kurz zuvor erstanden hatte. Sein Zuhause und die Familie waren im Norden, oben im Staate Washington. Doch Ron fuhr Richtung Los Angeles in den Süden zu einem Treffen mit einem Magier in einer bizarren viktorianischen Villa in Pasadena.

John Whiteside Parsons, unter seinen Freunden auch Jack genannt, war ein urbaner, dunkler, gut aussehender Mann, von Typ her nicht unähnlich einem Errol Flynn, und der Sprössling einer alteingesessenen Familie von Los Angeles. Damals 31 Jahre alt, war er ein brillianter Wissenschaftler und Chemiker – und einer der führenden Experten für Sprengkörper. Er hatte während des Kriegs die meiste Zeit in einem Team am California Institute of Technology gearbeitet, das Raketenantriebe und dafür benötigte Treibstoffe entwickelte und war vermutlich der letzte Mensch, von dem man annehmen konnte, daß er den Teufel anbetete.

Denn Jack Parsons führte ein außerordentliches Doppelleben: Respektierter Wissenschaftler während des Tages, engagierter Okkultist in der Nacht. Er glaubte fest an die Macht der schwarzen Magie, die Existenz von Satan, Dämonen und bösen Geistern und die Wirksamkeit von Zuabersprüchen, um seine Feinde in Schach zu halten.[2]

Noch in seiner Studentenzeit an der Universität von Südkalifornien hatte er begonnen, sich für die Schriften von Aleister Crowley zu interessieren, dem englischen Magier und Satanist – auch bekannt unter dem Namen “Biest 666” - dessen Schriften in schwarzer Magie ihm den Titel “Der lasterhafteste Mensch der Welt” eingebracht hatten. Crowleys “Buch des Gesetztes” stellte eine Doktrin auf, die sich in einem einzigen Satz zusammenfassen ließ - “Tue das was Du willst – das soll Dein einziges Gesetz sein” - und Parsons war fasziniert von dem berauschenden Konzept eines Glaubens, der zum Genuß verbotener Vergnügungen ermutigte.

1939 traten Parsons und seine junge Frau Helen dem OTO (Ordo Templis Orientis) bei, einer internationalen Organisation, die von Crowley gegründet wurde, um Sexualmagie zu praktizieren.[3] In Los Angeles wurde eine Loge gegründet und eine passende abgelegene Mansarde dafür eingerichtet. Die Treffen wurden geleitet von einer Priesterin, die in duchsichtige Gaze eingehüllt war und einem Sarg entstieg, um dem Ganzen mystischen Charakter zu geben. Akribisch führte sie blasphemische Riten aus.[4] Parsons stieg schnell auf im OTO und zu Beginn der 40er Jahre korrespondierte er schon regelmäßig mit Crowley, wobei er ihn immer mit “Höchst geliebter Vater” ansprach und die Briefe mit “Dein Sohn John” signierte.

Als Parsons Vater starb, erbte sein Sohn eine weitläufige Villa mit angrenzendem Wagenschuppen auf der South Orange Grove Avenue in Pasadena. South Orange Grove war in den 20er und 30er Jahren die beste Gegend Pasadenas, und obwohl die Distinguiertheit der vornehmen Herkunft gegen Ende des Kriegs dahinschwand, waren die meisten der großen Häuser dort immer noch in Einzelbesitz, die Farbe war noch nicht abgeblättert und die Rasenflächen wurden regelmäßig gemäht und bewässert.

Die Anwohner der South Orange Grove Avenue waren nicht sehr begeistert über die Ankunft des jungen Jack Parsons, denn das elegante dreistöckige Haus, das inmitten eines Grundstücks mit riesigen Palmen und blühenden Magnolien stand, wandelte sich unter seiner Eignerschaft alsbald zu einem Wohnheim mit zweifelhaftem Ruf – denn die einzige Möglichkeit für Parsons, das Haus zu erhalten, war, Zimmer zu vermieten. Das allein hätte die Nachbarschaft vermutlich noch nicht weiter in Aufruhr versetzt, doch als er wegen Mietern in der lokalen Zeitung inserierte, stellte er klar, daß nur Atheisten und Bohemiens erwünscht wären. So war dann also das ganze Sammelsurium an Zimmern in der South Orange Grove Avenue 1003 von einem Sortiment exotischer, streitsüchtiger, peripatetischer Wanderprediger und Nichtsnutze, arbeitsloser Schauspieler und Schriftsteller, Musiker und Tänzer, alle möglichen fragwürdigen Charaktere mit ihren ebenso fragwürdigen Freunden beiderlei Geschlechts bevölkert. Laute Parties zogen sich tagelang hin, Gäste schliefen auf dem Fußboden, wenn sie kein Bett finden konnten und vergaßen manchmal einfach, wieder zu gehen.

Die Nachbarn waren verständlicherweise empört, obwohl sie unzweifelhaft noch viel alarmierter gewesen wären, hätten sie gewußt, daß das Haus noch dazu dafür ausersehen war, das Hauptquartier einer schwarzmagischen Gruppe zu werden, die abartige Sexualriten praktizierte. Parsons adaptierte zwei große Zimmer als Privatzimmer für sich und als Tempel für die OTO Loge. In seinem Schlafzimmer, dem größten Zimmer im ganzen Haus, gab es einen Altar, der von pyramidenförmigen Säulen umrahmt und mit okkulten Symbolen behangen war. Der andere Raum war eine holzgetäfelte Bibliothek, gefüllt mit Büchern über Okkultismus und dominiert von einem riesigen signierten Portrait Crowleys, das über dem Kamin hing.

Niemand durfte diese Räume betreten, außer er war von Parsons persönlich hereingebeten worden; wenn Mitglieder des OTO für Treffen kamen, blieben die Türen fest verschlossen. Andere Hausbewohner konnten manchmal einen flüchigen Blick auf Parsons oder einen seiner Anhänger werfen, wie sie in schwarzen Roben im Haus umhergingen, doch niemand wußte genau, was im “Tempel” vor sich ging.[5] Bei einer Gelegenheit erschienen zwei Polizisten an der Eingangstür, um eine Beschwerde zu überprüfen, daß das Haus für schwarzmagische Orgien genutzt würde. Man hatte ihnen laut ihren Angaben erzählt, daß es hier eine Zeremonie geben sollte, bei der eine schwangere nackte Frau neunmal durch ein geheiligtes Feuer springen sollte; doch machten sie es so offensichtlich, daß sie selbst davon überzeugt waren, daß das Ganze ein Witz wäre, daß Parsons keine Schwierigkeiten hatte, sie davon zu überzeugen, daß er ein echter und respektierter Wissenschaftler wäre; er überredete sie zu gehen, ohne eine Hausdurchsuchung durchzuführen.

Neben anderen Interessen war Parsons auch Science-Fiction Fan und tauchte gelegentlich bei den Treffen der 'Los Angeles Fantasy und Science-Fiction Gesellschaft' auf, wo sich treue Fans jede Woche einfanden, um die führenden Science-Fiction Schreiber zu treffen. Jack Williamson, ein regelmäßiger Schreiber für Science Wonder Stories, begegnete Parsons bei einem Treffen 1941 und war überrascht zu hören, daß dieser ein Wissenschaftler wäre. “Er hatte meine Novelle 'Dunkler als Du denkst' gelesen, in der es um Übernatürliches geht”, erinnerte sich Williamson. “Ich war erstaunt zu sehen, daß er diesen Dingen weit weniger kritisch gegenüber stand als ich.”[6]

Für Parsons gab es eine interessante Nähe zwischen Magie und Science-Fiction und an Sonntag Nachmittagen im Sommer sammelten sich seine Science-Fiction Freunde in seiner Küche zu endlosen Diskussionen über die relativen Verdienste der Sci-Fi Autoren, ihre Ideen und Geschichten. Einer der Fans, die an Sonntagnachmittagen regelmäßig die Straßenbahn nach South Orange Grove Avenue nahmen, war ein junger Mann namens Alva Rogers, der schließlich zu einem 'Teilzeitbewohner' wurde – ein Arrangement, das überhaupt nicht ungewöhnlich war. Bei einem seiner ersten Besuche traf er eine junge Kunststudentin, die ein Zimmer im Haus gemietet hatte, und verliebte sich in sie. Daraufhin verbrachte er die Nächte mit ihr, sooft er konnte.

Rogers war fasziniert vom Haus, seinem Besitzer und den Bewohnern. “Schlichte Seelen wurden ohne großes Federlesen als Mieter abgewiesen”, sagte er. “Es gab eine professionelle Wahrsagerin und Seherin, die immer das entsprechende Gewand trug und ihr Zimmer mit Symbolen und Artefakten arkanischer Überlieferung dekoriert hatte. Es gab eine Lady dort, zwar schon im fortgeschrittenen Alter, aber immer noch auffallend hübsch, die behauptete, zu verschiedenen Zeiten die Mätresse der Hälfte der berühmten Männer Frankreichs gewesen zu sein. Es gab einen Mann, der in der Stummfilmzeit ein bekannter Organist in den großen Kinos gewesen war. Das waren alles spezielle Typen.”

Laut Rogers machte Parsons niemals ein Geheimnis aus seinem Interesse für schwarze Magie oder seinen Beziehungen zu Aleister Crowley. “Er hatte eine umfangreiche Korrespondenz mit Crowley in der Bibliothek, einiges davon zeigte er mir. Ich erinnere mich speziell an einen Brief von Crowley, in dem dieser ihm für seine gute Arbeit in Amerika dankte, ihm beiläufig für die letzte Spende dankte und zu verstehen gab, daß bald noch mehr benötigt würde. Jack gab zu, daß er eine der Hauptgeldquellen für Crowley in Amerika war.”

“Ich fand es immer schwierig, Jacks Beharrlichkeit in seinem Glauben und der praktischen Ausübung der schwarzen Magie mit seiner Erziehung und seinem kulturellen Hintergrund in Einklang zu bringen. Zuerst dachte ich, das ist alles nur Spiel und Spaß, ein Kick, den er sich leistete, um seine respektablen Freunde zu schockieren. Doch nachdem ich seine Korrespondenz mit Crowley und die Beweise seiner häufigen Geldzuwendungen an ihn gesehen hatte, lies ich meine Zweifel an seiner Ernsthaftigkeit fallen.”[7]

Im Sommer 1944 verließ Helen Parsons ihren Ehemann und lief mit einem anderen Mitglied der Loge davon, von dem sie schwanger war. Parsons tröstete sich, indem er seine Zuneigung auf Helen's jüngere Schwester übertrug, Sara Northrup, die damals 18 Jahre alt war, eine hübsche und lebhafte Studentin an der Universität von Südkalifornien. Innerhalb einiger Monate brach Sara ihr Studium ab und zog zum großen Kummer ihrer Eltern bei Parsons ein. In der South Orange Grove Avenue kannte sie man als Betty (ihr zweiter Vorname war Elizabeth). Völlig im Banne ihres Liebhabers wurde sie bald in den OTO eingeweiht und assistierte bei den Zeremonien. In Übereinstimmung mit den Lehren des 'Biest' ermutigte Parsons sie, Sex mit anderen Mitgliedern der Loge zu haben, oder einfach mit jedem, der sie hübsch fand. Das würde ihre Beziehung nicht berühren, erklärte er erhaben jedem, der es hören wollte, denn Eifersucht war eine Basisemotion, die der Erleuchteten unwürdig war und nur Bauern zukam.

“Betty war eine attraktive Blondine voller Lebensfreude”, sagte Rogers. “Das gute Verhältnis zwischen Jack und Betty, die starke Zuneigung, wenn nicht sogar Liebe, die sie füreinander hatten, schien ziemlich permanent und bruchsicher zu sein – trotz ihrer häufigen außerplanmäßigen sexuellen Aktivitäten.”[8]

Das sollte sich bald als Illusion herausstellen. Eines Nachmittags im August 1945 brachte Lou Goldstone, ein bekannter Science-Fiction Illustrator und häufiger Besucher in der South Orange Grove Avenue, L. Ron Hubbard mit, der grade Urlaub von der Marine hatte. Jack Parsons mochte Ron auf Anhieb - vielleicht erkannte er in ihm eine geistesverwandte Seele - und er lud Ron ein, für die Dauer seines Urlaubs einzuziehen.

Ron, überschäumend wie immer, war in keiner Weise von der seltsamen Gesellschaft und der Umgebung dort eingeschüchtert; er fühlte sich hier im Gegenteil auf Anhieb wie zu Hause. Die meisten Abende dominierte er die Konversation am großen Tisch in der Küche, wo sich die Mieter gerne versammelten, und erzählte haarsträubende Geschichte über seine Abenteuer. Eines Abends knöpfte er sein Hemd auf, um die Narben von Pfeilen zu zeigen, die auf ihn geschossen wurden, als er im südamerikanischen Dschungel auf eine Gruppe feindlicher Eingeborener traf.

Wie fast jedermann im Haus dachte auch Alva Rogers, daß Hubbard ein höchst verbindlicher und unterhaltsamer Mensch wäre. Rogers war auch rothaarig, und Hubbard vertraute ihm seine Überzeugung an – bestätigt durch umfangreiche Studien, die er im “Königlichen Museum” in Londen durchgeführt hatte – daß alle Rothaarigen miteinander verwandt wären, da sie vom gleichen Zweig des Neanderthalers abstammten. “Ich brauche wohl nicht extra zu erwähnen, daß ich fasziniert war”, so Rogers.

Eine Zeitlang teilte Ron ein Zimmer mit Nieson Himmel, einem jungen Reporter, der Parsons ebenfalls durch ihr gemeinsames Interesse an Science-Fiction kennengelernt hatte. Vielleicht aufgrund der angeborenen Skeptik von Zeitungsmenschen war Himmel weniger als die anderen von seinem neuen Mitbewohner beeindruckt. “Ich halte Blender nicht aus und für mich war er ganz offensichtlich einer, ein wirklicher Hochstapler. Aber er war nicht dumm. Er war sehr scharfsinnig und schnell, ein faszinierender Geschichtenerzähler, und ein großer Charmeur. Er sprach ohne Ende über seine Kriegserfahrungen und schien überall gewesen zu sein. Einmal erwähnte er, daß er unter Admiral Halsey gedient hatte. Ich rief daraufhin einen Freund an, der auch bei Halsey war und mein Freund sagte: “Verdammt, ich hab noch nie von ihm gehört.”

“Ich war keiner seiner Favoriten, denn ich machte mir einen Spaß daraus, ihn aus dem Konzept zu bringen. Einmal erzählte er eine Geschichte, wie er einen Flur des Britischen Museums hinunterging, als er plötzlich von drei Wissenschaftlern gepackt wurde, die in in ein Büro zerrten und begannen seinen Schädel zu vermessen, weil er solch eine perfekte Form hatte. Ich sagte dann: “Hey Ron, das ist ein tolle Geschichte – hab ich die nicht bei George Bernard Shaw gelesen?” Ein anderes Mal sagte er, daß er als Kommandant eines Zerstörers auf den Aleuten war und ein Polarbär von einer Eisscholle auf das Schiff sprang und die ganze Besatzung vor sich her jagte. Ich erkannte diese Geschichte als ein uralte Volkssage.

“Er war immer pleite und versuchte sich Geld auszuborgen. Das war ein weiterer Grund, weswegen er mich nicht mochte – ich borgte ihm nie auch nur einen Cent. Wann immer er davon sprach, daß er knapp bei Kasse war, sagte er oft, daß er dachte, die leichteste Möglichkeit Geld zu machen wäre, eine Religion zu starten.”[9]

Parsons teilte Himmels Mißtrauen nicht. Er war der Meinung, daß Ron ein großes magisches Potential hatte und ging das Risiko ein, seinen Verschwiegenheitseid zu brechen, um Ron mit einigen der OTO Rituale bekannt zu machen.[10] Auch Betty war sehr verliebt in den redegewandten Marineoffizier, so sehr, daß sie bald darauf begann mit ihm zu schlafen. Um seinen Überzeugungen treu zu bleiben, gab Parsons vor, daß ihn diese Entwicklungen nicht berührten, doch andere im Haus glaubten, Spannungen zwischen den beiden Männern zu spüren. Himmel, der selbst in Betty verliebt war, war wütend darüber, daß sie von Hubbard verführt worden war. “Betty war wunderbar, das hinreißendste, intelligenteste, süßeste und hübscheste Mädchen. Ich war so verliebt in sie und ich wußte, daß sie eine Frau war, die ich niemals haben konnte. Und dann kommt Hubbard daher, hat eine Affäre nach der anderen mit den Mädchen im Haus und bändelt schließlich mit Betty an. Ich konnte es einfach nicht glauben. Da war er, lebte von Parsons Freigiebigkeit, und machte direkt vor dessen Augen mit seiner Freundin rum. Manchmal, wenn die beiden Männer gemeinsam am Tisch saßen, war die Spannung fast zu greifen.[11]

Auch Alva Rogers spürte, daß Parsons litt. “Jack war bei keinem von Bettys vorigen amourösen Abenteuern zurückgeschreckt, doch diesmal war es irgendwie anders ... obwohl die drei sich nach wie vor den Anschein unveränderter Freundschaft gaben, war offensichtlich, daß Jack unter einem bisher für ihn unbekannten Gefühl litt – Eifersucht. Als die Dinge sich weiterentwickelten, wurde es für Jack immer schwieriger, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen als der heißen Affäre, die zwischen Ron und Betty lief; die Atmosphäre im Haus wurde immer geladener.”

Nichtsdestotrotz blieb Parsons überzeugt, daß Hubbard übersinnliche Kräfte besaß. Nachdem Ron wieder gegangen war, um sich am Oak Knoll Marinekrankenhaus zurückzumelden, schrieb Parsons an seinen “Höchst geliebten Vater”, um ihn auf dem Laufenden zu halten: “Vor ungefähr drei Monaten traf ich Captain L. Ron Hubbard, einen Schriftsteller und Forscher, von dem ich zuvor schon gehört hatte ... Er ist ein Gentleman; er hat rotes Haar, grüne Augen, ist redlich und intelligent, und wir wurden gute Freunde. Er zog bei mir vor ungefähr zwei Monaten ein, und obwohl Betty und ich immer noch Freunde sind, hat sie ihre sexuelle Zuneigung auf Ron übertragen.”

“Obwohl er kein formales Training in Magick hat, hat er außerordentliches Verständnis und Erfahrung in diesem Bereich. Aus einigen seiner Erfahrungen schloß ich, daß er in direktem Kontakt mit einer höherern Macht steht, vermutlich seinem Schutzengel. Er beschreibt seinen Engel als eine wunderschöne, geflügelte Frau mit rotem Haar, die er die Herrscherin nennt. Sie führt ihn durch sein Leben und hat ihn schon oft gerettet. Er ist die thelemaischste Person, die ich jemals getroffen habe und ist in völliger Übereinstimmung mit unseren eigenen Prinzipien ... Ich denke, ich habe da einen großen Gewinn gemacht und da Betty und ich die besten Freunde bleiben, ist nur wenig verloren. Ich habe mir große Sorgen um sie gemacht, doch ich möchte ihre Gefühle nicht kontrollieren, und kann, so hoffe ich, meine eigenen kontrollieren. Ich brauche einen magischen Partner. Ich habe viele Experimente im Kopf ...”[12]

Anfang Dezember 1945 tauchte Ron wieder in der South Orange Grove Avenue auf. Er war direkt vom Ausmusterungszentrum für Offiziere in San Francisco dorthin gefahren und war immer noch in Uniform. Er parkte seinen Packard mit Anhänger hinter dem Haus und trat wieder ein in das komplizierte und rätselhafte Leben von Jack Parsons und Betty Northrup. Zu Parsons geheimem Kummer nahmen Ron und Betty ihre Affäre umgehend wieder auf.

Alva Rogers und seine Freundin waren vielleicht die einzigen zwei Menschen im Haus, die wirklich wußten, wie sehr ihr Freund darunter litt. “Unser Zimmer war auf der anderen Seite der Halle direkt gegenüber von Jacks Apartment”, erinnerte sich Rogers, “und in den stillen, frühen Stunden eines trüben Dezembermorgens wurden wir von einem eigenartigen und irritierenden Geräusch aus unserem gesunden Schlaf aufgeweckt; es klang so, als ob gerade jemand starb oder zumindest todkrank war.”

“Wir gingen raus in die Halle um herauszufinden, woher das Geräusch kam und bemerkten, daß es aus Jacks teilweise geöffneter Tür drang. Vielleicht hätten wir zu diesem Zeitpunkt umkehren und uns wieder in unser Bett legen sollen, doch das taten wir nicht. Das Geräusch, das wir jetzt als eine Art Gesang erkannt hatten, zog uns unweigerlich zur Tür; wir drückten sie ein wenig weiter auf, um besser sehen zu können, was dort vorging.

Was wir sahen, werde ich nie vergessen, doch es fällt mir schwer alles im Detail zu beschreiben. Das Zimmer, in dem ich schon zuvor gewesen war, war auf okkulte Art und Weise mit allen notwendigen Utensilien dekoriert, die für die Ausübung entsprechender schwarzmagischer Riten erforderlich waren. Es war schwach beleuchtet; Rauchschwaden von einem penetranten Räucherstäbchen hingen in der Luft. Jack hatte eine schwarze Robe an und stand - seine Arme ausgestreckt - mit dem Rücken zu uns im Zentrum eines Pentagramms vor einer Art von Altar, auf dem einige nicht näher erkennbare Objekte standen.

Seine Stimme war nicht sehr laut und stieg und fiel in einem rhythmischen Gesang von einer Art Kauderwelsch, das mit solch leidenschaftlicher Intensität vorgetragen wurde, daß seine Bedeutung beängstigend offenbar war. Nach diesem kurzen und ungebetenen Blick in das schwärzeste und geheimste Zentrum der Seele eines gequälten Menschen, zogen wir uns still in unser Zimmer zurück, wo wir die Morgendämmerung damit verbrachen darüber zu diskutieren, was wir gerade eben gesehen hatten.”[13]

Rogers war überzeugt, daß Parsons versuchte, einen Dämon anzurufen um seinen Rivalen zu töten oder ihm auf die eine oder andere Art zu schaden. Doch das funktionierte offenbar nicht, denn Ron nahm anscheinend keinen Schaden. Trotz dessen, was Alva Rogers und seine Freundin in jener unvergesslichen Dezembernacht gesehen hatten, blieb die fragile Dreierbeziehung aufrecht. Parsons schien entschlossen mit dieser – wie er es sah – unwürdigen Emotion fertig zu werden. “Ich habe gelitten und bin durch eine Prüfung menschlicher Liebe und Eifersucht gegangen”, notierte er in seinen 'Magischen Berichten' und fügte hinzu, “Ich habe in Ron einen treuen Kompagnion und Gefährten gefunden ... Ron und ich haben weitere Pläne für den Orden.”[14]

Ihre Pläne waren unerhört. Parsons wollte ein schwarzmagisches Experiment unternehmen, das die Grenzen der okkulten Welt weiter hinausschieben würde. Mit der Hilfe seines neuen Freundes beabsichtigte er, ein 'Mondkind' zu erschaffen – ein magisches Kind, das mächtiger als alle Könige der Erde wäre und dessen Geburt im Buch des Gesetzes vor mehr als 40 Jahren prophezeit worden war.

Aleister Crowley erklärte 'die große Idee der Magier aller Zeiten' wäre, einen Anti-Christ zu erschaffen, 'ein Wesen, das in seiner Form dem Menschen ähnelte und die menschlichen Qualitäten besaß, das ihn vom Tier unterschied, nämlich Intellekt und Sprache, doch weder auf menschliche Art gezeugt noch von einer menschlichen Seele bewohnt.'[15] Um eine Mutter für diesen neuen Messias zu finden, fasste Parsons ins Auge, einen Elementargeist der 'Hure Babylon' anzurufen, der scharlachroten Frau aus der Offenbarung des Johannes: 'Und ich sah eine Frau, die auf einem scharlachroten Biest saß, voll von blasphemischen Namen, das sieben Köpfe und zehn Hörner hatte. Und die Frau war gekleidet in Purpur und Scharlach, bedeckt mit Gold, Edelsteinen und Perlen; sie hatte eine goldene Tasse in ihrer Hand voller Abscheulichkeiten und Schmutz ihrer Unzucht. Und auf ihrer Stirn war ein Name geschrieben, Mysterium, die große Babylon, Mutter aller Huren ... '

Am 4. Januar 1946 begann Pasons eine Serie aufwändiger mystischer Rituale, bekannt als das 'Werk Babalon', von dem er hoffte, daß es zur Anrufung der scharlachroten Frau führen würde, deren Bestimmung es war, Mutter des Mondkindes zu werden. Zum Nutzen zukünftiger Magier führte er ein detailliertes Tagebuch, ein Manuskript, das er 'Das Buch Babalon' nannte.

Die magischen Riten im Tempel an der South Orange Grove begannen an diesem Abend um neun Uhr mit Prokofiev's Violinkonzert als Hintergrundmusik. Zuerst bereitete Parsons einige magische Waffen, Tafeln und Talismane vor und weihte sie; dann führte er elf verschiedene Rituale aus, beginnend mit der “Anrufung des Luftpentagramm” und der “Anrufung des Nichtgeborenen” und endend mit der “Erlaubnis zur Verabschiedung, Reinigung und Verbannung”.

Das nächtliche Ritual von Anrufungen und Talisman-Schwenken setzte sich elf Tage fort, zuerst ohne viel Effekt. Parsons bemerkte, daß am zweiten und dritten Tag ein starker Sturm aufkam, doch hoffte er anscheinend auf etwas erschreckendere Resultate. “Es scheint nichts passiert zu sein”, schrieb er in einem Brief an Crowley. “Der Sturm ist sehr interessant, doch nicht das, worum ich gebeten habe.”[16]

Am siebten Tag wurde Parsons von sieben lauten Schlägen wach und er entdeckte, daß eine Tischlampe in der Ecke seines Schlafzimmern mit Gewalt zu Boden geworfen und zertrümmert worden war. “Ich habe mit dieser Art von Phänomenen wenig Erfahrung”, berichtete er. “Magisch gesprochen, bedeutet das Brüche in der Operation, die auf unzulängliche Technik hinweisen. An und für sich sollte es bei jeglicher magischen Operation keine anderen Phänomene außer dem beabsichtigten Resultat geben.”

Erst am 14. Januar konnte der frustrierte Magier ein ermutigendes mysteriöses Ereignis berichten. “Die Beleuchtung des Hauses fiel um neun Uhr abends aus. Ein anderer Magier [Hubbard], der im Haus wohnte und mit mir studierte, trug eine Kerze durch die Küche, als er einen starken Schlag auf seine rechte Schulter bekam; die Kerze fiel ihm dabei aus der Hand. Er rief mich, und wir beobachteten in der Küche ein bräunlich-gelbes Licht etwa sieben Fuß hoch. Ich schwang ein magisches Schwert und es verschwand. Sein rechter Arm war für den Rest der Nacht taub.”

Am nächsten Morgen hatten sich die Magier um prosaischere Geschäfte zu kümmern. Ron, Betty und Jack wälzten schon seit einiger Zeit Pläne, ein Geschäft damit aufzuziehen, Yachten an der Ostküste zu kaufen, sie nach Kalifornien zu segeln und hier mit Gewinn wieder zu verkaufen. Am 15. Januar unterzeichneten die drei eine Vereinbarung, die eine Geschäftspartnerschaft mit dem hoffnungsvollen Titel “Vereinigte Unternehmen” fixierte. Es war kein wirklich ausgewogenes finanzielles Arrangement, denn Parsons war mit mehr als 20.000 $ beteiligt, Ron konnte nur 1200 $ beisteuern und Betty überhaupt nichts. In den Vereinbarungen ihrer Partnerschaft wurde vage festgehalten, daß die Vereinigten Unternehmen sich mit Aktivitäten 'diverser und flexibler Natur' auseinandersetzen würde, vermutlich mit dem Hintergedanken, nach und nach in weitere Geschäftsfelder zu expandieren.[17]

An diesem Abend nahmen die neuen Geschäftspartner ihre magischen Aktivitäten wieder auf, und es gab ein weiteres seltsames Ereignis, bei dem Ron beteiligt war, der inzwischen die Rolle des 'Schreibers' innehatte. Parsons notierte, daß der Schreiber 'eine Art astraler Vision' hatte; er sah angeblich einen seiner alten Feinde hinter ihm stehen, gekleidet in eine schwarze Robe und 'mit einem teuflischen, teigigen Gesicht'; Ron ging sofort zum Angriff über und spießte das Phantom mit vier Wurfmessern an der Tür auf. Parsons schreibt weiter: “Später hörte ich in meinem Raum die Klopfgeräusche wieder und eine schnarrende, metallische Stimme schrie: 'Laßt mich frei'. Ich spürte diese Nacht große Spannung und Druck im Haus.”

Die Spannung hielt für vier Tage an – bis zum Abend des 18. Januar. Der Magier und sein Schreiber hatten sich an diesem Abend zu einer nicht näher erklärten mystischen Mission in die Mojave Wüste gewagt; bei Sonnenuntergang fiel der ganze Stress von Parsons ab, den er in letzter Zeit gehabt hatte. Er war statt dessen von einem Wohlgefühl erfüllt, drehte sich zu Ron um und sagte zu ihm: “Es ist erfüllt.”

Als die zwei Männer in die South Orange Grove Avenue zurückkehrten, fanden sie dort die 'scharlachrote Frau' vor, die auf sie wartete. Ihr Name war Marjorie Cameron und sie war in Wahrheit nicht viel anders als die vielen unkonventionellen und freigeistigen jungen Frauen, die sich im Umfeld des Boheme-Hauses in Pasadena bewegten. Doch war Parsons überzeugt, daß sie der lüsterne Elementargeist war, denn es stellte sich heraus, daß sie nicht nur willens, sondern begierig darauf war, an den magischen und sexuellen Eskapaden teilzunehmen, die er im Sinn hatte. “Man kann sie als Feuertyp beschreiben”, schreibt er in seinem 'Buch Babalon', “mit bronzerotem Haar, feurig und subtil, entschlossen und hartnäckig, ernsthaft und pervers, mit einer außerordentlichen Persönlichkeit, Talent und Intelligenz.”

Ein paar Tage später schrieb er jubelnd an Crowley: “Ich habe mein Elemental gefunden! Sie tauchte am Abend nach der Beendigung der Operation auf und ist seither hier ... sie hat rotes Haar und schräge grüne Augen wie beschrieben ... Sie ist eine Künstlerin, fest entschlossen, mit maskulinen Eigenschaften und einem fanatischen Unabhängigkeitsstreben.”

Crowley antwortete: “Ich bin speziell interessiert an dem, was du mir über das Elemental geschrieben hast, denn vor kurzem habe ich mich persönlich bemüht, in dieser Angelegenheit für Dich zu intervenieren ...”

Gegen Ende Februar reiste Ron an die Ostküste, möglicherweise um Recherchen über das Yachtgeschäft im Auftrag der Vereinigten Unternehmungen anzustellen. Am 28. Februar fuhr Parsons alleine in die Mojave-Wüste hinaus, um eine Anrufung der Göttin Babalon durchzuführen. Während dieser Anrufung, sagte er, kam die Gottheit über ihn und befahl ihm, eine mystische Mitteilung zu schreiben, abgefasst in einer bildhaften biblischen Sprache und beginnend mit: “Ja, ich bin es, Babalon. Und dies ist mein Buch ...”

Die siebenundsiebzig Klauseln, die Parsons aufgeregt und eifrig in sein Notizbuch kritzelte, wurden zum Herzstück des 'Buch Babalon'. Er glaubte, daß er Anweisungen für die Schwängerung seiner scharlachroten Frau erhielt, obwohl das für die Ungläubigen nicht unmittelbar offensichtlich wurde: “Jetzt ist die Stunde der Geburt gekommen. Jetzt soll mein Adept am Ort des Basilisken gekreuzigt werden. Deine Tränen, Dein Schweiß, Dein Blut, Dein Samen, Deine Liebe, Dein Glaube sollen dafür sorgen ... “

Einige der Absätze hörten sich verdächtig zeitgemäß an: “Du Narr, sei auch Du frei von Sentimentalität. Bin ich Deine Dorfschönheit und Du mein Zehntklässler, daß Du Deine Nase in meinen Hintern stecken mußt?”

Parsons kehrte in einem Zustand beträchlicher Erregung nach Pasadena zurück, der sich noch steigerte, als sein magischer Partner am nächsten Tag ankam und ankündigte, er hätte eine Vision gehabt von einer 'wilden und wunderschönen Frau, die nackt auf einem großen, katzenartigen Biest geritten war' und sie hätte eine dringende Botschaft zu übermitteln.

In dieser Nacht trafen die zwei Magier im Tempel am South Orange Grove Vorbereitungen um die Nachricht zu empfangen. Kerzen und Räucherwerk wurde entzündet und ein magischer Altar wurde mit Blumen und Wein zurechtgemacht. Hubbard, der 'Schreiber', hatte eine weiße Robe mit Kapuze an und trug eine Lampe; Parsons, der Hohepriester, hatte eine schwarze Robe an und trug einen Kelch und einen Dolch. Ein automatisches Tonbandgerät war aufgestellt und auf Hubbards Vorschlag spielte es Rachmaninoffs 'Insel der Toten' als Hintergrundmusik.

Um acht Uhr begann Hubbard die Nachricht aus der astralen Welt zu intonieren: “Dies sind die Vorbereitungen: Grün-goldener Stoff. Futter für das Biest auf einem Silbertablett hinter dem Altar. Enthülle es erst, wenn die Türen fest verschlossen sind. Der Übergang ist der Tod. Der hintere Teil des Altars. Triff sofort die Vorbereitungen. Entzünde die erste Flamme um 10 Uhr abends am 2. März 1946. Das Jahr Babalon ist 4063 ... ”

Nach ein paar Minuten bemerkte Parsons, daß sein Schreiber bleich war und stark schwitzte. Hubbard ruhte sich für ein paar Minuten aus und fuhr dann fort: “Stelle um 10 Uhr einen Kasten voller Dunkelheit her. Schmiere das Gefäß, das die Flamme enthält, mit deinem eigenen Blut aus. Zerstöre auf dem Altar etwas wertvolles. Bleibe ganz ruhig und achte auf die Stimme unserer Herrin. Sprich mit niemandem über dieses Ritual oder über ihr Kommen ... Zeige Dich unserer Herrin; weihe ihr Deine Organe, weihe ihr Dein Herz, Weihe ihr Deinen Verstand, Weihe ihr deine Seele, denn sie soll Dich absorbieren, und Du sollst zur lebenden Flamme werden, bevor sie inkarniert ... “

Als Hubbard mit seinem Diktat fertig war, wurde die scharlachrote Frau, nackt unter ihrer Purpurrobe, in den Tempel gebracht. “Oh Kreis der Sterne”, intonierte der Hohepriester, “woher unser Vater ist und dazu sein jüngerer Bruder, marmorn über jede Vorstellung, Seele von unbegrenztem Raum ...”

Marjorie Cameron hatte die notwendige Antwort gut geübt. “Aber mich zu lieben ist besser als alles andere ... “, sang sie. “Leg Dir Flügel an, erwecke den verborgenen Glanz in Dir. Komm zu mir, zu mir! Sing mir die hinreissenden Lieder der Liebe! Verbrenne Parfum für mich! Proste mir zu denn ich liebe Dich! Ich bin die Tochter des Abendrotes mit den blauen Lidern, ich bin der nackte Glanz des lüsternen Nachthimmels ...”

Mit größer werdender Leidenschaft intonierten die drei schwarzen Magier einen Chor: “Glorie für die scharlachrote Frau, Babalon, der Mutter der Abscheulichkeiten, die auf dem Biest reitet, denn sie hat ihr Blut in jede Ecke der Erde verspritzt und schau! Sie hat es in den Becher ihrer Hurenhaftigkeit gemischt ... “

Der Schreiber verblieb am Altar und deklamierte und beschrieb, was angeblich auf der astralen Ebene geschah, während der Hohepriester erregt seinen 'Zauberstab' in die Scharlachrote Frau versenkte und sie wild zu kopulieren begannen.

Um Mitternacht ging die unheilige Troika erschöpft zu Bett. Am nächsten Morgen störte einer der Hausbewohner Parsons, während dieser im Tempel meditierte – er flog hochkant raus und Parsons belegte ihn mit einem Fluch, der ihn (so Parsons) sehr bald krank machen würde. Nach diesem Zwischenfall gestand Parsons, daß er fürchterlicher Stimmung war. Seine Stimmung wird sich wohl nicht aufgehellt haben, als er entdeckte, daß das Dach des Hauses in der Nacht in Brand geraten und teilweise zerstört worden war, während er anderweitig beschäftigt war. Düster folgerte er, daß das Feuer genau in dem Moment während ihrer schwarzen Zeremonie ausgebrochen war, als er ein Bild von Pan zerschmettert hatte.

“An diesem Abend”, so schrieb Parsons weiter, “führten der Schreiber und ich unsere Arbeit fort.” Diesmal wurde ein weißes Laken mit verschmiertem Menstruationsblut am Boden des Tempels ausgelegt und ein roter Stern, der von der Robe des Hohepriesters abgeschnitten worden war, wurde symbolisch auf dem Altar verbrannt. Als Parsons die 'Anrufung des Zauberstabes' auf dem nackten Körper der scharlachroten Frau ausführte, dröhnte der Schreiber: “Umarme sie, bedecke sie mit Küssen. Denk an die unanständigsten und laszivsten Dinge, die du tun könntest. Alles ist gut für Babalon. Alles ... Ihr ist die Lust, Dein ist die Leidenschaft. Bedenke, daß du das Biest vergewaltigst.”

Am dritten und letzten Tag begannen die Rituale vier Stunden vor Anbruch des Tages und endeten mit einem langen Gedicht, das 'Die Geburt von Babalon' hieß und das 'Heilige Hurentum' pries:

Ihr Mund ist rot und ihre Brüste schön, ihre Lenden sind voll Feuer,

und ihre Lust ist so stark wie ein Mann in der Hitze ihres Verlangens,

und ihre Verhurtheit ist heilig, wie die Tugend schutzig ist unter dem heiligen Himmel,

und ihre Küsse werden lustvoll die Welt wegwaschen in einer Leidenschaft, die niemals stirbt.

Du sollst lachen und lieben und ihrem Tanz folgen, wenn der Zorn Gottes verschwunden ist,

und träum nicht weiter von Hölle und Haß bei der Geburt Babalons.”[18]

 

Im 'Buch Babalon' war Hubbard völlig überzeugt, daß die Magie gewirkt hatte und daß seine scharlachrote Frau in neun Monaten ein 'Mondkind' zur Welt bringen würde. „Babalon“, schrieb er zuversichtlich, „hat sich heute auf der Erde inkarniert und erwartet die angemessene Stunde ihrer Manifestation.“[19]

 

Doch in seinen 'Magischen Berichten' war er weniger überzeugt: „Die letzten drei Tage habe ich eine Zeugungsoperation durchgeführt, indem ich die Tafeln, den Becher und eine weibliche Figur gebrauchte, entsprechend angerufen vom Zauberstab; dann habe ich den Altar versiegelt. Letzte Nacht habe ich dann eine Operation symbolischer Geburt durchgeführt. Jetzt kann ich nur noch beten und warten.“[20]

Am 6. März saß Parsons an einem Brief an seinen satanischen Meister in England, in dem er ihn von den monumentalen Ereignisse unterrichtete, die kürzlich stattgefunden hatten. “Ich kann kaum darüber sprechen oder entscheiden, was ich schreiben kann”, begann er. “Ich bin zu absoluter Verschwiegenheitspflicht angehalten. Ich hatte die wichtigste und gleichzeitig verheerendste Erfahrung meines Lebens ... Ich bin der Meinung, daß es das Resultat des funktionierenden IX. Grades war [diese Art Sexualmagie, die dazu entworfen wurde, ein höheres Wesen zu erschaffen] mit einem Mädchen, das auf meine elementalen Anrufungen antwortete. Ich war in direktem Kontakt mit der EINEN, der schönsten und heiligsten, die im Buch des Gesetzes erwähnt wird. Ich kann ihren Namen jetzt nicht nennen. Die ersten Instruktionen kamen direkt von Ron, dem Seher. Ich habe ihnen bis auf den Buchstaben Folge geleistet. Es gab ein Begehren nach Inkarnation. Ich kenne die Trägersubstanz noch nicht, doch sie wird mit einem geheimen Zeichen zu mir kommen; ich muß nun neun Monate Wächter sein; dann wird es auf die Welt losgelassen. Das ist alles, was ich momentan sagen kann ... “[21]

Crowley, der zu dieser Zeit in seinen Siebzigern stand, chronisch heroinabhängig war und dem Tod ins Auge blickte, war von der Geheimnistuerei seines Schülers irritiert. Am 19. April sandte er eine knappe Antwort: “Du hast mich mit deinen Andeutungen über das Elemental komplett durcheinander gebracht ... Ich dachte, ich hätte eine sehr morbide Vorstellungskraft, die so gut ist wie die jedes anderen, doch anscheinend habe ich das nicht. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, was du gemeint haben könntest.” Am gleichen Tag schrieb er an Karl Germer, dem Kopf des OTO in den Vereinigtem Staaten: “ Anscheinend produzieren Parsons oder Hubbard oder jemand anders ein Mondkind. Ich reg mich furchtbar auf, wenn ich über die Idiotie dieser Lümmel weiter nachdenke.”

Während Parsons sich über Crowleys Brief ärgerte, hatte sich sein ergebener Schreiber mit weltlicheren (und viel bekannteren) Problemen herumzuschlagen. Da er seine mageren Ersparnisse in die Vereinigten Unternehmungen eingebracht hatte, brauchte Hubbard jetzt dringend Geld. Seit er die Armee verlassen hatte, hatte er praktisch nichts geschrieben und seine Frau verlor allmählich die Geduld mit seinen wiederkehrenden Entschuldigungen, warum er kein Geld nach Hause schicken konnte, um sie und die Kinder zun unterstützen.

Polly erkannte zu der Zeit, daß es wenig Chancen gab ihre Ehe zu retten. Gegen Ende des Kriegs hatte Ron mit ihr kurz einen Umzug nach Kalifornien diskutiert, als er aus der Armee entlassen wurde, doch sie weigerte sich, die Kinder aus ihrer gewohnten Umgebung herauszureißen. Es verursachte ihr Albträume, wenn sie daran dachte, einsam hinter ihrem Mann von der einen Küste zur anderen hin und her zu ziehen.[22] Nibs und Katie ging es in Bremerton sehr gut, sie gingen gern in die Schule, hatten hier ihre Freunde und die Familie. Polly hatte die 'Hügelspitze' verlassen und war zu ihren Schwiedereltern nach Bremerton gezogen, um näher an der städtischen Infrastruktur zu sein; sie fand dieses Arrangement für alle sehr zufreidenstellend. Harry Hubbard, der aus der Marine ausgeschieden war und inzwischen einen Job im Kitsap County Fair gefunden hatte, und seine Frau genossen es, ihre Enkelkinder um sich zu haben.

Doch während Polly einerseits zufrieden mit ihren Schwiedereltern zusammen lebte, brauchte sie andererseits dennoch Geld, um die Kinder und sich selbst mit Essen und Kleidung zu versorgen; sie erwartete berechtigterweise, daß ihr Mann sich darum kümmern würde. Rons Problem in dieser Hinsicht war nicht nur, daß er pleite war (nichts neues), sondern daß er bei den Bewohnern von South Orange Grove Avenue 1003 auch an seine Grenzen stieß, da er sich schon von jedem Geld geborgt hatte, der bereit war ihm etwas zu leihen.

Im Februar hatte ihm die Veteranen-Organisation aufgrund einer 10prozentigen Einschränkung der Erwerbsfähigkeit wegen seines Magengeschwürs eine Pension von 11,50 $ im Monat zugesprochen. Ron betrachtete diese lächerliche Summe als bei weitem nicht ausreichend. Also legte er am 18. März, zwei Wochen nach der Erledigung seiner Aufgaben als schwarzmagischer Schreiber, Widerspruch ein, indem er eine dramatische neue Behinderung anführte, deren Erwähnung er beim ursprünglichen Antrag irgendwie übersehen hatte: “Ich habe zwischen 60 und 80% meines Augenlichts verloren,” behauptete er in einem Brief, geschrieben auf seinem unverwechselbaren Briefpapier mit seinen Initialen. “Und da mein Beruf Schriftsteller ist, hat meine derzeitige Unfähigkeit zu lesen bzw. mein Augenlicht entsprechend zu nutzen ernste Konsequenzen für mein Einkommen. Ich kann weder längere Zeit noch unter ungünstigen Bedingungen arbeiten. Mein Einkommen ist zurzeit bedingt durch die Verletzungen null. Können sie mich bitte darüber informieren, welche Schritte ich unternehmen muss, um eine höhere Pension zu bekommen?”[23]

Nach seinen Jahren in der Armee war sich Ron sehr wohl bewußt über das Tempo, mit dem die Mühlen der Bürokratie mahlten – und er hatte dringenden Geldbedarf. Seine Lösung war, Parsons davon zu überzeugen, daß jetzt die Zeit gekommen wäre, die Vereinigten Unternehmungen zu aktivieren. Gegen Ende April brachen Ron und Sara [sie wurde ja nur in der South Orange Grove Betty genannt] mit 10.000 $ Richtung Florida auf, die sie vom Konto der Vereinigten Unternehmungen bei der Pasadena First Trust and Savings Bank abgehoben hatten. Parsons bestätigte die Abhebung, so daß das Unternehmen seine erste Yacht im Osten kaufen konnte; man kam überein, daß Ron und Sara mit dem Schiff entweder nach Kalifornien segeln oder es über Land transportieren sollten, je nachdem, was billiger wäre.

Es schien ein ganz simples und einleuchtendes Geschäftsabkommen zu sein, obwohl Parsons vermutlich nicht wußte, daß Ron am 1. April beim Chef der Personalabteilung der Marine darum angesucht hatte, die Vereinigten Staaten verlassen zu können, um Südamerika und China zu besuchen.[24] Doch dauerte es nicht allzu lange, bis Parsons sich Sorgen zu machen begann, da weder von Ron noch von Sara auch nur ein Wort zu hören war. Mit wachsender Frustration wurde ihm klar, daß sie mit 10.000.- $ von seinem Geld losgezogen waren, und nun hatte er keine Ahnung wo sie eigentlich steckten. Er gestand seine Bedenken Louis Culling, einem anderen OTO Mitglied, und schwor, daß er sein Geld zurückbekommen und die Partnerschaft auflösen würde.

Am nächsten Tag rief Ron aus Florida an, verwies dabei aber die Kosten des Gesprächs an den Empfänger. Culling war gerade im South Orange Grove, als das Gespräch hereinkam und war erstaunt darüber zu sehen, daß Parsons völlig von Hubbard dominiert wurde. Nach all dem, was am Vortag gesprochen worden war, erwartete Culling zumindest, daß Parsons abweisend gegenüber seinem eigensinnigen Partner sein würde. Doch Parsons machte keine Bemerkung über seine Unruhe, beklagte sich nicht darüber, daß er im Unklaren gelassen worden war und erwähnte auch nicht, daß er die Partnerschaft auflösen wollte. Bald lachte er glücklich ins Telephon, als ob nichts seine Laune trüben könnte – die Konversation endete damit, daß Parsons sagte: “Ich hoffe, wir bleiben immer Partner, Ron.”

Sehr beunruhigt stellte Culling selbst Nachforschungen an und schrieb dann am 12. Mai an Karl Germer: “Wie Du vielleicht inzwischen weißt, unterschrieb Bruder John eine Partnerschaft mit diesem Ron und Betty, wobei alle von den dreien eingenommenen Gelder gleich zwischen ihnen aufgeteilt werden sollten. Soweit ich feststellen kann, hat Bruder John sein ganzes Geld in die Sache reingesteckt ... Inzwischen haben Ron und Betty ein Boot für sich selbst in Miami für ungefähr 10.000.- $ gekauft und leben dort in Saus und Braus, während Bruder John am Nullpunkt lebt, und ich meine wirklich Nullpunkt. Anscheinend hatten sie gar nie die Absicht, dieses Boot an die kalifornische Küste zu bringen, um es mit Gewinn zu verkaufen, so wie sie Jack gesagt haben, sondern eher nur um es sich an der Ostküste gut gehen zu lassen ...[25]

Germer informierte natürlich Crowley, der per Telegramm am 22. Mai antwortete: “Vermute, Ron spielt den Vertrauenstrick. Jack offensichtlich schwacher Dummkopf. Eindeutig Opfer sich herumtreibender Schwindler.” In einem Brief sieben Tage später schrieb Crowley: “Aufgrund der Informationen unseres Bruders in Kalifornien scheint mir, daß Parsons eine Erleuchtung hatte, bei der er alle persönliche Unabhängigkeit verloren hat. Laut dem Bericht unsres Bruders hat er sowohl das Mädchen als auch das Geld weggegeben, Offensichtlich läuft hier der übliche Vertrauenheitstrick.”[26]

Während sich Crowley und die Mitbrüder aus dem OTO bereits einig waren, daß Bruder Parsons reingelegt worden war, kam auch Bruder Parsons langsam zu dieser schmerzhaften Erkenntnis; Anfang Juni packte er seinen Koffer und nahm einen Zug in den Osten, entschlossen, die umherreisenden Liebenden aufzustöbern und sein Geld zurückzuholen.

In Miami entdeckte Parsons zu seinem Erstaunen, daß die Vereinigten Unternehmen schon drei Boote gekauft hatten – zwei Hilfsschoner, die Harpoon und die Blue Water II, und eine Yacht, die Diane. Es schien, daß Ron Hypotheken von mehr als 12.000.- $ aufgetrieben hatte, um die Schoner zu kaufen.

Parsons spürte die Harpoon in Howard Bonds Yacht Hafen am County Causeway auf, doch war von Ron und Sara weit und breit nichts zu sehen. Die Blue Water fand sich an den Docks der American Ship Building Company am Miami River; wieder war niemand an Bord.

Eines Abends ein paar Tage später erhielt Parsons einen Anruf aus dem Hafen. Die Harpoon, so sagte man ihm, hatte um fünf Uhr nachmittags Segel gesetzt; Ron und Sara waren an Bord und beabsichtigten offenbar zu fliehen. In seinem Hotelzimmer in Miami legte Parsons daraufhin seine magische Robe an und zeichnete mit seinem Zauberstab einen magischen Zirkel auf den Boden. Um acht Uhr trat er in den Kreis und führte das 'Bannritual des Pentagramms' aus, die Einleitung aller magischen Handlungen. Dann folgte die Anrufung von Bartzabel, des Geistes des Mars, dessen Hilfe er erbat um seine fliehenden Partner zurückzuhalten. In einem Brief an Crowley beschrieb er seine Aktionen und konnte von einem höchst zufriedenstellenden Resultat berichten: “Zur gleichen Zeit, so weit ich das jetzt nachvollziehen kann, wurde das Schiff von einer plötzlichen Böe von der Küste getroffen, die die Segel herunterriß und sie dazu zwang, in den Hafen zurückzukehren, wo ich das Boot in Gewahrsam nahm.”[27]

Am 1. Juli strebte der Magier mit konventionelleren Methoden nach Wiedergutmachung: Er brachte beim Bezirksgericht von Dade County eine Klage ein. Die Anklagepunkte gegen Ron und Sara waren: Bruch der Vereinbarungen ihrer Partnerschaft, Verschwendung der Vermögenswerte und Fluchtversuch.[28] Ein Konkursverwalter wurde bestellt, um die Angelegenheiten der Vereinigten Unternehmungen abzuwickeln. Zudem wurde über die Beklagten eine Rückhalteauflage verhängt, die sie daran hindern sollte Miami zu verlassen oder weitere Vermögenswerte der Partnerschaft zu beseitigen.

“Ich bin hier in Miami und verfolge die Kinder meiner Torheiten”, schrieb Parsons am 5. Juli finster an Crowley. “Ich hab sie gut unter Kontrolle. Sie können nirgendwohin gehen, ohne ins Gefängnis zu kommen. Jedoch ist das meiste Geld schon verschwendet. Ich kann von Glück reden, wenn ich noch 3000-5000 $ retten kann.”

Am 11. Juli unterzeichneten die drei Partner eine Vereinbarung, die von Parsons Anwalt entworfen wurde und die Partnerschaft formal auflöste. Ron und Sara händigten die Blue Water und die Diane aus und erklärten sich bereit, die Hälfte von Parsons Gerichtskosten zu bezahlen. Parsons seinerseits erlaubte Ron und Sara die Harpoon zu behalten und erhielt dafür eine Schuldverschreibung von 2900 $, die seinen Vermögensanteil am Schoner abdeckte. Jack Parsons kehrte nach Pasadena zurück, zufrieden, unter den gegebenen Umständen das bestmögliche Resultat erreicht zu haben. Er war nicht allzu bekümmert, seine frühere Partnerin und seinen ehemals besten Freund verloren zu haben. Er sah keinen von beiden je wieder.

In Miami kehrten Ron und Sara nach ihrer kurzen Zeit des Überflusses auf Kosten der Vereinigten Unternehmungen zu ihrem gewohnten Zustand der eingeschränkten Mittel zurück. Ihr vordringendlichstes Problem war, wie sie die Zahlungen für die Hypothek von 4600 $ aufrechterhalten sollten, die für die Harpoon immer noch offen waren. Ron, der niemals erlaubte, daß finanzielle Angelegenheiten ihn zu sehr beunruhigten, hielt am Glauben fest, daß es ihm schließlich gelingen würde, eine größere Pension von der Veteranen-Administration zu erbetteln. Am 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, hatte er einen Teil des Feiertags damit verbracht, einen weiteren bewegenden Einspruch gegen seine Pensionshöhe zusammenzustellen; er führte dazu eine bisher nicht erwähnte körperliche Behinderung an, diesmal eine 'chronische und untauglich machende Knocheninfektion'.

Auf dem Antragsformular malte er ein erschütterndes Bild eines Veteranen, der mutig gegen seine Behinderungen ankämpft, die er bei 100% einschätzte. Sein ursprüngliches Zwölffingerdarmgeschwür hatte sich auf mysteriöse Weise vervielfacht; seine 'Geschwüre', so legte er klar, hatten ihn dazu gezwungen, seine alte Beschäftigung als 'Schiffsführer und Forscher' aufzugeben und behinderten ihn ernsthaft in seiner Arbeit als Schriftsteller. “Ich kann nichts tun, das mit nervlicher Anstrengung zu tun hat ohne ernstlich krank zu werden.” Hinsichtlich seines schwindenden Augenlichts fand er es jetzt schwierig, mehr als drei oder vier Minuten zu lesen, ohne Kopfschmerzen zu bekommen; das machte es ihm praktisch unmöglich, irgendwelche Recherchen zu betreiben. Seine Probleme hatten begonnen, so notierte er, nachdem er 'dem tropischen Sonnenlicht des Pazifik' überlang ausgesetzt war.

Weiterhin war er lahm infolge einer Knocheninfektion in seiner rechten Hüfte, die er sich in Princeton zugezogen hatte 'aufgrund des plötzlichen Wechsels von den Tropen in die matschige und eisige Kälte von Princeton'.

“Meine Möglichkeiten Geld zu verdienen”, so schloß er, ”haben sich durch all die Verletzungen im Dienst auf Null reduziert. Vor dem Krieg habe ich als Schriftsteller 1000 $ pro Monat verdient. Jetzt kann ich als Autor nichts mehr verdienen und Versuche, anderweitig eine Beschäftigung zu finden, sind an meiner körperlichen Verfassung gescheitert.”

Um seinen Fall zu unterstützen überredete Hubbard Sara, als alter Freund an die Veteranen-Administration zu schreiben, um so eine unabhängige Bekräftigung seines sich rapid verschlechternden Gesundheitszustandes liefern zu können. Als Adresse gab sie die Anschrift ihrer Eltern in Pasadena an.

“Ich kenne Lafayette Ronald Hubbard seit vielen Jahren”, begann sie so ungünstig wie unwahr. “Und ich möchte über seinen Gesundheitszustand Zeugnis ablegen, den ich beobachtet habe, seit er die Marine verlassen hat. Vor dem Krieg war er ein extrem energiegeladener Mensch in bester körperlicher und geistiger Verfassung ... Seit seiner Rückkehr im Dezember letzten Jahres hat er sich völlig verändert. Er kann wegen seiner Augen, die ihm starke Schmerzen verursachen, nicht mehr lesen. Er ist im Gehen eingeschränkt und kann seine gewohnten Wanderungen nicht mehr machen ... Er hat versucht in drei verschiedenen Jobs zu arbeiten, doch mußte er überall wieder aufhören, da ihm seine Magenbeschwerden zu schaffen machten. Er scheint sehr viel Ruhe zu brauchen ... Ich weiß nicht, wie er sich ein Einkommen verschaffen soll, wenn seine mageren Ersparnisse erschöpft sind, denn ich sehe keine Möglichkeit, wie seine Verfassung sich bis zu dem Punkt verbessern kann, wo sie das frühere Niveau erreicht. Es geht ihm immer schlechter, und sein Zustand wird durch die finanziellen Sorgen nur noch schlimmer ... “[29]

In der Tat war aber eine kurzfristige Lösung seiner ökonomischen Probleme sofort und ganz offensichtlich verfügbar: die Harpoon. Konfrontiert mit der Unmöglichkeit seine Raten bzw. die Hypothek zurückzuzahlen, entschied sich Ron, das Boot zu verkaufen; er hoffte, mit diesem Schritt seine drückendsten Schulden begleichen zu können. Wieder flüssig, zumindest vorübergehend, fragte er Sara, ob sie ihn heiraten wollte. Sie nahm ohne zu zögern an. Anfang August verließen die Liebenden Florida und bestiegen einen Zug nach Washington D.C. Am 10. August 1946 gaben sich die 21-jährige Sara Northrup und L. Ron Hubbard in einer schlichten Zeremonie in Chestertown, Maryland, das Ja-Wort.

Wie der Zufall es wollte, war Chesterton nur 30 Meilen von Elkton entfernt, wo L. Ron Hubbard 1933 Polly Grubb geheiratet hatte. Sara wußte nichts von Polly und hatte keine Ahnung, daß ihr neuer Ehemann schon einmal verheiratet war. Noch weniger wußte, daß er niemals geschieden worden war.

Ebenso mußte Polly in Bremerton erst noch erfahren, daß ihr Mann ein Bigamist war.

Nach seiner Rückkehr in den South Orange Grove in Pasadena verkaufte Parsons das alte Anwesen und zog mit seiner scharlachroten Frau in den angrenzenden Wagenschuppen. Bald darauf heiratete er Marjorie Cameron. Es sollte eine tragisch kurze Verbindung werden. Am Nachmittag des Freitag, den 20. Juni 1952, arbeitete Parsons in der Garage des Wagenschuppens, die er zu einem Laboratorium umfunktioniert hatte. Um acht Minuten nach fünf gab es eine enorme Explosion. Die schweren Türen wurden aus ihren Angeln gesprengt, die Wände flogen nach draußen und ein gewaltiges Loch wurde in die Bodenplanken gerissen. Als sich der Rauch verzogen hatte, war ein teilweise verstümmelter und immer noch blutender Körper in den Trümmern zu sehen.

Doch es sollte noch schlimmer kommen. Die Polizei spürte Parsons Mutter, Mrs. Ruth Virginia Parsons, bei einer verkrüppelten Freundin in der West Glenarm Street auf. Nachdem sie von dem Zwischenfall und dem Tod ihres Sohnes erfahren hatte, kehrte sie in das Zimmer zurück, in dem ihre Freundin in einem Lehnstuhl saß. Sie setzte sich auf einen anderen Lehnstuhl außerhalb der Reichweite des ersten, öffnete ein Fläschchen Schlaftabletten und schluckte, beobachtet von ihrer hilflosen und bleich gewordenen Freundin, den gesamten Inhalt schnell hinunter. Unfähig sich aus ihrem Stuhl zu erheben, konnte die behinderte Frau nur entsetzt zusehen, wie ihre Freundin langsam starb.[30]

Die Untersuchung ergab, daß Parsons eine Phiole Nitroglyzerin hatte fallen lassen, die dann die Explosion ausgelöst hatte. Doch aufgrund seines allgemein bekannten Interesses am Okkulten gab es unweigerlich Gerüchte über Selbstmord und sogar Mord; keiner seiner Freunde konnte glauben, daß ein Mann mit solcher Erfahrung im Umgang mit Explosivstoffen wie Parsons unabsichtlich Nitroglyzerin fallengelassen hatte.

Was auch immer die Wahrheit ist, kein schwarzer Magier hätte sich einen schwärzeren Abschied aus dieser Welt vorstellen können.

 



[1] Antrag L. R. Hubbard, 7017422, Verwaltungsarchiv der Veteranen

[2] Alva Rogers, Darkhouse, 1962

[3] John Symonds, Das große Biest, 1971

[4] Brief von L. Sprague de Camp an Symonds, 5. August 1952

[5] Interview mit Nieson Himmel, Los Angeles, 14. August 1986

[6] Brief an den Autor von Jack Williamson, 1. November 1986

[7] Rogers, s.o.

[8] Rogers, ebenda

[9] Interview mit Himmel

[10] Kenneth Grant, The Magical Revival, 1972

[11] Interview mit Himmel

[12] Symonds, s.o.

[13] Rogers, s.o.

[14] Akte Parsons, OTO Archive, New York

[15] Aleister Crowley, Buch des Gesetzes

[16] Grant, s.o.

[17] Gerichtsfall Nr. 101634, Parsons gegen Hubbard und Northrup, Bezirksgericht Dade County, Florida

[18] Buch Babalon, OTO Archive, New York

[19] ebenda

[20] John Parsons, Magische Berichte, OTO Archiv, New York

[21] Symonds, s.o.

[22] Brief an den Autor von Mrs. Catharine Gillespie, November 1986

[23] Akte Hubbard, Veteranenarchiv

[24] L.R.Hubbard Marineakte

[25] OTO Archiv, New York

[26] ebenda

[27] Grant, s.o.

[28] Gerichtsfall Parsons gegen Hubbard und Northrup

[29] Akte Hubbard, Archiv der Veteranen-Administration

[30] Pasadena Star News, 21. Juni und 5. Juli 1952