BARE-FACED MESSIAH
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Kapitel 6

Der Held, der er nie war

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“Von der Marine vor Ausbruch des Krieges 1941 in Dienst genommen, wurde er [Hubbard] bei Kriegseintritt der USA auf die Philippinen versetzt und wurde dann im späten Frühjahr 1942 im Privatflugzeug des Oberkommandierenden der Marine als erster zurückkehrender Verwundeter der US-Streitkräfte aus dem Fernen Osten zurückgeflogen.” (Eine kurze Biographie von L. Ron Hubbard)

“Er diente im Südpazifik und wurde 1942 von 15 Offizieren von Rang abgelöst, um dann nach einer raschen Heimreise 1942 an der Schlacht gegen die deutschen U-Boote teilzunehmen. Er war hier Kommandierender Offizier einer Corvette im Nordatlantik. 1943 wurde er zum Commodore eines Corvette-Geschwaders befördert, und 1944 diente er bei den Amphibienfahrzeugen. Nachdem er auf allen fünf Szenarien des 2. Weltkrieges gedient und 21 Medaillen und Orden bekommen hatte, wurde er 1944 ernstlich verwundet; verkrüppelt und blind wurde er in das Oak Knoll Marine-Krankenhaus gebracht.” (Fakten über L. Ron Hubbard)

(Scientologys Zusammenfassung von Hubbards Kriegsjahren)

*   *   *   *   *

Im Juli 1941 waren die USA noch nicht offiziell, aber faktisch in den Krieg eingetreten. Die US Marine hatte die britische Garnison auf Island übernommen und US Kriegsschiffe eskortierten bereits Nachschub-Konvoys über den Nordatlantik. Die Lobby der Isolationisten warf Präsident Roosevelt bitter vor, daß er die Nation ohne Notwendigkeit in einen Konflikt hineinführte, doch ließ sich die Dynamik der Ereignisse nicht mehr umkehren. Als Deutschland in Russland einmarschierte, versprach Roosevelt sofort US Hilfe und erklärte die Verteidigung Russlands als “essentiell für die Verteidigung der USA.”

In August, als die angeblich unbesiegbaren Nazi-Panzerdivisionen die Rote Armee bis in die Vororte von Leningrad zurückgedrängt hatten, traf Roosevelt den britischen Prime Minister Winston Churchill vor der Küste von Neufundland und unterzeichnete die Atlantische Charta. Darin war eine enge Zusammenarbeit zwischen den USA und England festgelegt. Zudem sprach man sich dafür aus, daß “alle Menschen das Recht haben sollten, die Regierungsform zu wählen, unter der sie leben wollten.” Ein paar Tage später attackierte ein deutsches U-Boot (ohne Erfolg) südlich von Island einen amerikanischen Zerstörer, die USS Greer, und Roosevelt gab den Befehl aus, “nach Sichtung zu schießen”. Im Oktober erlitt die US-Marine ihre ersten Verluste, als ein anderer Zerstörer, die USS Kearney, von einem U-Boot im Nordatlantik versenkt wurde. Nach dem Verlust der Kearney startete die US-Marine einen nicht erklärten Krieg gegen Deutschland.

Lieutenant L.R. Hubbard von der Reserve der Marinestreitkräfte spielte nicht gerade eine zentrale Rolle bei diesen Entwicklungen. In seiner Fantasie konnte er sich ohne Zweifel auf der Kommandobrücke der Kearney vorstellen und heldenhaft zu entscheiden, mit dem Schiff unterzugehen, während ein schiefes Lächeln seinen Mund umspielt, als das letzte seiner Besatzungsmitglieder gerettet wird; in Wahrheit jedoch wurde er von einem zum anderen Schreibtisch in der PR-Abteilung versetzt.

Im Lichte seiner Erfolge als Schriftsteller war es nicht überraschend, daß die US Marine Lieutenant Hubbard einen Job in der Öffentlichkeitsarbeit zuwies, auch wenn sich sein flügge gewordenes literarisches Talent hauptsächlich auf das abstruse Feld des Science-Fiction beschränkte, ein Bereich, der weit entfernt von den nüchternen Anfordernissen der militärischen Öffentlichkeitsarbeit lag.

Doch war Ron selbstverständlich davon überzeugt, daß er bestens geeignet sei, und kaum hatte er die Uniform für fünf Minuten an, so bot er seine wertvollen Vorschläge auch schon seinen Vorgesetzten an. Am 21. Juli, nachdem er ganze zwei Tage Dienst getan hatte, schrieb er dem Kongressabgeordneten Magnuson und dankte ihm für die Hilfe bei der Erlangung des Postens. Er erwähnte auch, daß er schon drei Vorschläge zur Beschleunigung von Rekrutierungen gemacht hatte und alle “werden in die Tat umgesetzt”.[1] Magnuson antwortete: “Ich freue mich zu hören, daß ihre Ernennung durchgegangen ist. Ich weiß, daß Sie sich in der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit der Marine wie zu Hause fühlen werden.”

Ein Woche später hatte Ron schon andere Pläne. In einem zweiten Brief an Magnuson, datiert vom 29. Juli und geschrieben vom Explorer Club in New York, sagte er, da 'die Pressekontakte gut genug liefen, wurde mir angeboten, jede Woche zwei Artikel für landesweite Magazine zu schreiben', um der Öffentlichkeit die 'blaue Marinejacke zu verkaufen'. Ihm wurde da angeblich 'freie Hand gelassen' und da 'dieses Vorhaben ungefähr dreimal soviel wie der Marinesold abwirft, ist es nur recht und billig, daß ich alles über dem Sold und den Spesen der Marine zur Verfügung stelle. Es läuft also alles bestens.'

Nun ja, nicht so ganz: Es stellte sich heraus, daß Ron in seiner Einschätzung ein wenig zu optimistisch war, Marinestorys an landesweite Magazine verkaufen zu können. Es mag sein, daß er zwei Artikel pro Woche schrieb, doch wurde niemals einer veröffentlicht.

Als der Marine klar wurde, daß Lieutenant Hubbard seine Zeit verschwendete, entschied man, ihn an das Hydrographische Institut in Washington zu schicken um die Photos zu kommentieren, die er während seines Trips nach Alaska mit Polly aufgenommen hatte. Er traf am 22. September ein und blieb zwei Wochen. In einem Memo an einen Assistenz-Hydrographen des Instituts wurde festgehalten, daß einige Dutzend seiner Photos 'ziemlich klar' waren und daher von 'einigem Interesse für die Navigation'. Ron hatte auch Veränderungen und Erweiterungen für die Segelrouten British Columbias vorgeschlagen. Einige waren uninteressant, so das Memo weiter, 'doch insgesamt stellen sie einen sehr klaren Beitrag dar.'[2]

Dieser Beitrag beendete jedenfalls Ron's Karriere in der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit. Am 24. November, nach einer 6-wöchigen Auszeit, wurde er dem Hauptquartier der dritten Marineabteilung in New York zum Training als Spionage-Offizier zugeteilt.

Während dieser ganzen Zeit war sein Vater auf der Marinewerft von Mare Island in der San Pablo Bay, Kalifornien, als für den Nachschub verantwortlicher Offizier stationiert. Inzwischen 55 Jahre alt und immer noch Lieutenant hatte sich Harry Hubbards Beziehung zu seinem Sohn im Lauf der Jahre verschlechtert; sie sahen sich kaum noch. Wenn es ihm irgendeine Freude gemacht haben sollte zu hören, daß sein Sohn ihm in die Marine gefolgt war, so konnte das die allgemeine Mißbilligung und Enttäuschung über seinen Sohn doch nicht aufwiegen. Harry Hubbard war im Grunde seines Herzens sehr konservativ, ein ganz gewöhnliches Arbeitstier, ein Mann, dessen Wege von Routine und Konformität bestimmt waren. Er konnte sich nie mit der (aus seiner Sicht) Exzentrik seines Sohn anfreunden – dessen Weigerung, sich eine richtige Arbeit zu suchen, die Gewohnheit, die ganze Nacht aufzubleiben und während des Tages zu schlafen, seine lange Abwesenheit von Zuhause, sein Mangel an Engagement für die Familie. Hub war sehr liebevoll zu Polly und vergötterte seine Enkel – Nibs, damals sieben Jahre alt und die fünfjährige Katie. Manchmal hatte er das Gefühl, ihnen näher zu stehen als ihr eigener Vater, ein Gedanke, der ihn sehr betrübte.

Aus Rons Sicht der Dinge hatte er keine Gemeinsamkeiten mit seinem Vater. Dieser hatte praktisch sein ganzes Leben lang in der Marine Papier hin und her geschoben, mit keinen weiteren Aussichten als nur der Pension. Für Ron war das eine graue und unattraktive Existenz verglichen mit seiner eigenen Welt – wie sie zumindest in seinen Gedanken und Phantasien existierte. Ron sah sich selbst immer noch als Forscher und Abenteurer, quasi eine Kopie seiner fiktiven Helden; nie ließ er eine Gelegenheit aus, sich selbst als furchlosen und sorglosen Globetrotter darzustellen. Kein Wunder, daß Vater und Sohn unweigerlich auseinander drifteten – ihre Charaktere waren einfach nicht kompatibel zueinander.

Ron war immer noch im Hauptquartier der dritten Marineabteilung, als am Nachmittag des Sonntags 7. Dezember ein paar Minuten nach drei Uhr der Ansager die Radiosendung eines Konzertes der New Yorker Philharmonie auf CBS unterbrach: “Wir unterbrechen dieses Programm mit einer wichtigen Eilmeldung. Die Japaner haben Pearl Harbour angegriffen.” Zu diesem Zeitpunkt fielen immer noch Bomben auf die Schiffe in Pearl Harbour und bevor die Japaner Richtung Heimat abdrehten waren fünf Kriegsschiffe versenkt, drei weitere beschädigt, zehn kleinere funktionsunfähig gemacht und an die 2400 Männer waren tot. Am nächsten Tag erklärte der Präsident den Krieg.

Wenn Ron jetzt auf den Krieg spitzte, so sollte er enttäuscht werden. Am 18. Dezember wurde er auf die Philippinen abkommandiert, kam jedoch nur bis Brisbane, Australien. Dort verärgerte er seinen Vorgesetzten während des Wartens auf ein Schiff nach Manila so sehr, daß er im Februar 1942 an Bord der USS Chaumont wieder auf dem Weg nach Hause war. “Dieser Offizier ist nicht genügend geeignet für leitende Positionen”, berichtete der Attaché der US-Marine in Melbourne am 14. Februar 1942. “Er ist geschwätzig und versucht den Eindruck zu erwecken, er wäre eine wichtige Persönlichkeit. Er scheint zu denken, daß er in den meisten Sparten ungewöhnliche Fähigkeiten besitzt. Diese Charakteristika weisen darauf hin, daß er strenger Überwachung bedarf, um irgendeine Spionagetätigkeit zufriedenstellend auszuführen.” Es wurde weiter behauptet, daß Ron sich Kompetenzen zumaß, ohne sich um eine offizielle Zuweisung derselben zu kümmern und daß er Aktionen ausführte, für die er keine Qualifikation hatte. So wurde er “zur Ursache vieler Beschwerden.”[3]

Im Hauptquartier der 12. Marineabteilung in San Francisco entschied man, daß Rons Talente bei der Zensur von Telegrammen besser aufgehoben wären. In einer Meldung vom 22. April empfahl der Leiter der Zensurbehörde in Washington, daß trotz des Berichtes aus Melbourne keine Disziplinarmaßnahmen ergriffen würden, “da die Qualifikationen der Person in der Telegramm- & Kabelzensurbehörde in New York ein nützliches Einsatzfeld vorfinden würden.”

Ron mochte seinen Schreibtisch-Job bei der Zensurbehörde nicht und suchte im Juni um Versetzung in den Dienst zur See auf einem Patroulienboot an - bevorzugt in der Karibik, “da ich dort mit den Menschen, den Sprachen und den Sitten vertraut bin und wo ich Navigationserfahrung habe.” Seinem Ansuchen wurde stattgegeben: Er wurde aus der Zensurbehörde abkommandiert und hatte sich auf der Schiffswerft in Neponset, Massachusetts, zu melden. Dort sollte er den Umbau eines schweren Plankertrawlers, der Mist, in ein US-Marine Kanonenboot überwachen. Dieses Boot sollte die USS YP-422 werden. Sobald das Schiff dann in See stechen konnte, sollte er das Kommando übernehmen.

Hier war nun endlich die Gelegenheit gekommen zu beweisen, daß er der Held war, der er so sehr zu sein glaubte. (Hatte er denn nicht in seinen Geschichten endlose Schlachten ausgetragen und gewonnen?) Kämpfer von Kaliber waren sicher verzweifelt gesucht, denn die Monate nach Pearl Harbour zählten für die USA zu den schwärzesten des ganzen Krieges. Obwohl die Jukeboxen überall im ganzen Land patriotische Reime wie 'Goodbye Mama, ich brech auf nach Yokohama' oder 'Du bist ein Sap (Schwächling), Mr. Jap' herausgrölten, war die erste Euphorie, mit der der Krieg begrüßt wurde, bald dahin. Die Alliierten wurden im Pazifik in die Flucht geschlagen: Erst fiel Guam, dann Manila, dann Singapur, Bataan und Corregidor.

Mit dem Gefühl, seine Bestimmung erreicht zu haben und zu erfüllen, reiste Lieutenant Hubbard dann nach Neponset, seinen Marschbefehl auf einer Anzeige in seiner Tasche: “LTJG LAFAYETTE R HUBBRAD DVS USNR WIRD HIERMIT FREIGESTELLT UND SOLL SICH SOFORT NACH NEPONSET, MASS, BEGEBEN ... AUFGABE: UMBAU DER YP422 BEI GEORGE LAWLEY UND SÖHNEN. ER SOLL CO (=COMMANDER) DIESES SCHIFFS WERDEN, SOBALD ES IN DIENST GEHEN KANN.”

Der Umbau wurde schnell durchgeführt und am 9. September 1942 schickte Ron eine Nachricht an den Kommandanten des Bostoner Marinestützpunkts, in der er berichtete, daß die USS YP-422 jetzt in einem ausgezeichneten Zustand sei, die Ausbildung der Besatzung “sich der Effizienz nähere” und “die Moral hoch” wäre. “Sobald noch ein paar Mängel behoben werden”, fügte er hinzu, “ist dieses Schiff in jeglicher Hinsicht für die See geeignet und es ist schon begierig darauf, sich auf den Weg zu seinem Einsatz zu machen!”

Wie sein Vater nahm Ron es mit persönlichen Schulden nicht so genau. Während er den Umbau der YP-422 beaufsichtigte, wurde er von Schneidern in Brisbane und Washington DC bedrängt, unbezahlte Rechnungen für Uniformen zu begleichen; zudem schuldete er der Bank von Ketchikan immer noch 265$. Als die Bank aus Alaska Lieutenant Hubbards Schulden an das Marinehauptquartier in Washington meldete, schrieb Ron dem Schatzmeister der Marine einen indignierten Brief: “Sie werden hiermit nochmals informiert, daß der Grund meiner Zahlungsverzögerung der einschneidende Rückgang des Salairs ist; ich habe aber diesen Einschnitt auf mich genommen, um meinem Land zu helfen. Bis zu Kriegsende kann ich nur kleine und unregelmäßige Zahlungen leisten.”

Die Implikation war, daß Lieutenant Hubbard viel zu beschäftigt damit war, einen Krieg auszutragen, als daß er sich mit so unbedeutenden Schulden herumschlagen würde; doch bedauerlicherweise war Lieutenant Hubbard nirgendwo an Bord zu finden, als die USS YP-422 zu ihrer Jungfernfahrt ablegte. Am 1. Oktober wurde Ron kurzerhand des Kommandos enthoben und zum Kommandanten der 12. Marineabteilung zurückbeordert, “ um dort den Dienst zu übernehmen, der Ihnen zugewiesen wird”. Dieser Befehl enthielt keine Erklärungen, jedoch war Ron zuvor in eine unkluge Auseinandersetzung mit dem kommandierenden Offizier der Werft verwickelt gewesen. Zwischen den Offizieren, die den Umbau zu beaufsichtigen hatten und denen, die auf den zehn YP's dann das Kommando bei der Überführung nach Neponset führen sollten, waren beträchtliche Spannungen aufgetreten, die dann darin gipfelten, daß YP Offizieren verboten wurde, das Umbaubüro zu betreten oder überhaupt mit den Werftarbeitern zu sprechen. Ron hatte es auf sich genommen, ein Memorandum an den Vize-Chef für Marineeinsätze in Washington abzufeuern, in dem er den kommandierenden Offizier als “verantwortlich” bezeichnete und ausführte, daß die YP Offiziere alle erschreckt waren von diesem Befehl.[4] Er hätte sich vielleicht besser zurückgehalten: Am 25. September schickte der Kommandant der Marinewerft von Boston eine Nachricht an Washington; darin stellte er seinen Standpunkt klar, daß Hubbard “aus charakterlichen Gründen nicht geeignet war, alleiniges Kommando zu übernehmen.”

Seine Träume vom Ruhm war somit zumindest zeitweise vernichtet und Ron erwartete seine nächste Aufgabe ohne viel Enthusiasmas. Er rechnete damit, wieder das Kommando über irgendeinen Schreibtisch zu übernehmen. Jedoch hob sich seine Stimmung beträchtlich, als dann sein Einsatzbefehl kam – er wurde in das U-Boot-Jäger Trainingscenter in Miami, Florida, geschickt. Das eröffnete umgehend den Blick auf wunderbare neue Profilierungsmöglichkeiten – 'Ron der Fuchs', der erstklassige U-Boot Jäger, furchtloser Peiniger der japanischen U-Boot Flotte ect.

Mit einer Sonnenbrille auf der Nasenspitze kam Lieutenant Hubbard am 2. November im Trainingscenter an und schloß umgehend mit einem anderen Offizier aus seinem Kurs Freundschaft – einem jungen Lieutenant aus Georgetown, Maine, namens Thomas Moulton. Ron erklärte umbekümmert, daß er eine Sonnenbrille tragen mußte, weil er während seines Dienstes als Offizier für das Schußwesen auf dem Zerstörer Edsel eine schwerwiegende Blendung erlitten hatte. Er war nahe an der Mündung einer 5 Inch Kanone gestanden, die vorzeitig losgegangen war. Seine Verletzung beeinträchtigte sein Sehvermögen zwar nicht, doch empfand er seitdem jegliches helle Licht ohne dunkle Brille als schmerzhaft. Moulton war verständlicherweise beeindruckt.

Dadurch daß er seine Unterhaltungen geschickt mit Anekdoten und dem entsprechenden Jargon versetzte, besaß Ron die unheimliche Eigenschaft absolut überzeugend zu sein. Bald war im Zentrum allgemein bekannt, daß er auf Zerstörern gedient hatte; man erhob ihn laut Moulton im Klassenzimmer sogar zu einer Art Autorität.[5] Während sie in Miami zusammen trainierten und die Feinheiten des Aufspürens und Attackierens von feindlichen U-Booten erlernten, erfuhr Moulton immer weitere Details von den erstaunlichen Heldentaten seines neuen Freundes in den ersten Monaten des Krieges. Sein bleibender Eindruck war, daß Ron eine Art verschwiegener Held war, der nur ungern über sich selbst sprach – doch kamen im Lauf der Woche anscheinend immer weitere Details seiner Geschichte ans Licht.

Am Tag, als die Japaner Pearl Harbour attackierten, war Ron laut dieser Geschichte von Bord der Edsel kommend an der Nordküste von Java gelandet, nicht weit vom Hafen Surabaya entfernt, um dort eine geheime Mission zu erfüllen. Die Edsel wurde einige Tage später versenkt [nicht so ganz: sie wurde im März 1942 versenkt] und ging mit Mann und Maus unter. Als die Japaner die Insel besetzten, setzte sich Ron ins Bergland ab und lebte im Dschungel. Einmal wurde er beinahe von einer japanischen Patrouille gefaßt und wurde dabei von einer Maschinenpistole in den Rücken getroffen, bevor es ihm gelang zu entkommen. Die Wunden, so gestand er, machten ihm immer noch Schwierigkeiten. Er hatte oft starke Schmerzen in seiner rechten Seite – zudem hatten die Kugeln seine Harnleiter zerstört, sodaß er große Schwierigkeiten beim urinieren hatte. Er war nach diesen Schüssen in ziemlich schlechter Verfassung, doch schließlich schloss er sich mit einem anderen Offizier zusammen; gemeinsam konstruierten sie ein Floß, auf dem sie über die von Haien wimmelnde See von Timor in die australischen Küstengewässer hineinsegelten, wo sie von einem britischen oder australischen Zerstörer aufgenommen wurden. Das war, so dachte sich Moulton, eine bemerkenswerte Navigationsleistung.

Im Januar 1943 wurde Ron für einen 10-tägigen Kurs in U-Boot Kriegsführung an die Fleet Sound Schule in Key West, Florida, geschickt. Danach sollte er dann nach Portland, Oregon, um dort das Kommando über die USS PC-815 zu übernehmen, einem 280 Bruttoregistertonnen schweren U-Boot Jäger, der soeben bei den Albina Werken gebaut wurde. Ron fragte Moulton, ob dieser den Posten des 1. Offiziers bei ihm übernehmen wollte. Moulton hatte sich Hoffnungen auf ein eigenes Schiff gemacht, doch andererseits bewunderte er Ron so sehr, daß er zustimmte.

Während die PC-815 gebaut wurde, fanden die zwei Offiziere ein wenig Zeit, das Leben in der schönen Stadt Oregon zu genießen. Moultons Frau kam von der Ostküste und Polly konnte von Bremerton herkommen, das nur 150 Meilen nördlich lag. Als Vierer-Kleeblatt genossen sie die gemeinsame Gesellschaft und gingen trotz der Lebenmittel-Rationierung oft gemeinsam in eines der Restaurants essen, von denen man das grüne Tal des Willamette Rivers und die entfernten schneebedeckten Höhen des Mount Hood überblicken konnte. Bei einer denkwürdigen Gelegenheit fuhren der zukünftige Kommandant der PC-815 und sein 1. Offizier hinauf nach Seattle, um dort zum Tanz beim Tennis Club zu gehen. Ron trug wie immer seine dunklen Brillen, und er wurde dann von einer Frau aus ihrer Gruppe deswegen freundlich gestichelt. Während er die Notwendigkeit der Brille erklärte, hob die Frau die Augenbrauen, als ob sie ihm nicht glauben wollte. Moulton war schockiert. Doch zum Beweis des Gesagten nahm Ron die Brille ab und innerhalb von 5-10 Minuten begannen seine Augen zu tränen; sie waren offensichtlich entzündet. Sein Freund war damit völlig überzeugt.

Am Dienstag, den 20. April 1943 um 10 Uhr wurde die USS PC-815 ihrer Bestimmung übergeben. Ron notierte dieses Ereignis mit einem handschriftlichen Eintrag auf der ersten Seite des Log-Buches des Schiffs. Seinen Namen verzierte er mit einem stolzen Schnörkel. Zwei Tage später veröffentlichte das Oregon Journal ein Photo von Ron und Moulton in Uniform zusammen mit einem Artikel über die Übergabe des neuen Schiffs. Ron trug seine dunklen Gläser und hatte einen furchtlosen Ausdruck im Gesicht, sein Mantelkragen war hochgeschlagen und in der rechten Hand hielt er eine Pfeife: Er sah aus wie ein Mann, der bereit war in den Krieg zu ziehen.

In der Geschichte wurde Ron beschrieben als “ein erfahrener U-Boot Jäger in den Schlachten des Pazifik und Atlantik ... ein alter Haudegen, der U-Booten die Schwanzflossen abschlug”. Um noch ein bißchen Lokalkolorik hinzuzufügen, schien er dem Reporter erzählt zu haben, daß er in Portland aufgewachsen war und aus einer langen Reihe von Marineangehörigen stammte. Er sagte, sein Großvater, “Captain” Lafayette Waterbury, und sein Urgroßvater, “Captain” I.C. DeWolfe, hatten beide mitgeholfen, amerikanischen Marinegeschichte zu schreiben, doch führte er deren Beitrag nicht näher aus. [Der Name seines Urgroßvaters war Abram; I.C. waren die Initialen seiner Großmutter].

Seine Mitgliedschaft im Explorer Club wurde prominent erwähnt, natürlich zusammen mit dem 'Faktum', daß er drei 'international wichtige' Expeditionen geführt hatte. Er wurde auch dazu überredet einzugestehen, daß er auf der Karibischen Filmexpedition als erster Mensch eine Tiefseetaucherkugel eingesetzt hatte, um unter Wasser zu filmen.

Als der Reporter Ron um einem Kommentar zu seinem neuen Schiff bat, kam er dieser Bitte mit einem pittoresken Zitat nach, das anfangs wie Humphrey Bogart und am Ende wie der Präsident klang: “Diese kleinen Schnuckelchen sind hart. Sie können alles in den Schatten stellen, was Nelson oder Farragut jemals gesegelt sind. Sie pfeiffen so richtig im Kampf und sind die einzige Antwort auf die U-Boot Bedrohung. Ich stelle mit Nachdruck fest, daß die Zukunft Amerikas an diesen Begleit-und Schutzschiffen hängt.”

Am Abend des 18. Mai war die USS PC-815 von Astoria, Oregon, Richtung San Diego auf Patrouillenfahrt. Sie war nur 5 Stunden auf See, als sie um 2.30 vor Kap Lookout vor der Küste Oregons mitten in einer oft frequentierten Schiffsroute auf ein, vielleicht sogar zwei feindliche U-Boote traf!

Ron lieferte einen anschaulichen Bericht der Ereignisse, der in einem geheimen Schlachtbericht an den Oberkommandierenden der Pazifik-Flotte nachgezeichnet wurde:[6]

“Auf der Fahrt nach Süden mitten auf der Schiffsroute gab es eine Echolot-Anzeige durch den diensttuenden Peilungsmatrosen... Der kommandierende Offizier war am Steuer und verlangsamte alle Motoren auf ein Drittel, um eine bessere Echolot Verbindung zu bekommen. Der Kontakt wurde mit 500 Yards gerade nach vorne festgestellt.

Der erste Kontakt war sehr gut. Das Ziel bewegte sich nach links und entfernte sich. Das Verhalten war klar. Die Nacht war mondhell und die See unbewegt ... Die USS PC-815 näherte sich bis auf 360 Yards, während dessen das Echo in Vierteln anschlug ... Der Kontakt wurde dann wieder gewonnen bei 800 Yards steuerbord; indessen wurden weitere Untersuchungen angestellt. Die Schiffsschrauben waren wie zuvor deutlich vernehmbar. Das Verhalten war weiterhin klar. Die Identifizierung mit Rauchsignalen wurde gewissenhaft beobachtet, doch als keine gesichtet wurden, war klar, daß es sich nicht um ein freundliches Objekt handeln konnte. Alle Maschinen wurden auf 15 Knoten hochgefahren, und das Objekt wurde direkt nach vorne gebracht...”

Beim ersten Angriff schoß die USS PC-815 eine dreimalige Salve mit Unterwasserbomben ab. Nachdem der Kontakt wiederhergestellt worden war, gab es um 3.50 einen zweiten Angriff, diesmal mit vier Bomben.

Ron glitt bei der Beschreibung der nachfolgenden Ereignisse in einen ziemlich unmilitärischen Lyrizismus ab: ”Das Schiff, schläfrig und skeptisch, kam schnell und ohne Irrtümer zum Schuß. Niemand, auch nicht der Kommadierende Offizier, war bereit, an die Existenz eines feindlichen U-Bootes hier auf dieser Schiffsroute zu glauben. Alle Echoloter, die jetzt auf der Brücke versammelt waren, versuchten, die Echolotausrüstung und den chemischen Nachweis infrage zu stellen, da das Ganze ja wirklich eine verrückte Idee war ...

Bei Morgendämmerung über der glasigen See um 4.50 sichtete ein Späher ein dunkles Objekt steuerbord ungefähr 700 Yards entfernt. Bei genauerer Beobachtung schien sich das Objekt wegzubewegen ... Obwohl dieses Objekt höchstwahrscheinlich ein treibender Baumstamm war, wurde kein Risiko eingegangen, und das Obejkt wurde dazu benutzt, die Kanonen zu testen, die bisher noch nicht entsprechend abgefeuert worden waren. Die Kanoniere, von denen die Meisten Männer von großer Erfahrung waren, bewiesen erstaunliche Treffgenauigkeit; auf dem Objekt sammelten sich Trichter und Einschläge.

Das Objekt verschwand für einige Minuten. Um die Kanonen zu testen, die bisher noch nicht zum Einsatz gekommen waren, wurde das Schiff gewendet, falls sich das Objekt nochmals zeigen sollte. Das Objekt zeigte sich nochmals näher am Schiff. Wieder wurde das Feuer eröffnet und das Objekt verschwand.”

Ron betonte, daß er es für wahrscheinlich hielt, daß dieses Objekt nur ein Stück Treibholz war, doch glaubte er, es sein gut für die Moral der Kanoniere sicherzustellen, daß die neu installierten Kanonen auch funktionierten. Die USS PC-815 brachte vier weitere Attacken auf das trügerische U-Boot aus in der vergeblichen Hoffnung, es zum Auftauchen zwingen zu können. Am Ende der sechsten Attacke waren die Unterwasserbomben aufgebraucht. Dringende Signale nach weiterer Munition blieben zunächst ohne Antwort.

Um neun Uhr morgens erschienen zwei kleine Marineboote, die K-39 und die K-33, auf der Szenerie, um bei der Suche zu helfen. Um die Mittagszeit war Ron dann der Meinung, das U-Boot war auf irgendeine Art lahmgelegt, oder zumindest nicht in der Lage, seine Torpedos abzuschießen, denn die PC-815 lag auf einer ruhigen See, stellte somit ein leichtes Ziel dar und war trotzdem nicht attackiert worden. Am frühen Nachmittag traf dann ein kleinerer U-Boot Jäger, die USS SC-536, ein, doch auch sie konnte keinen Kontakt mit dem Objekt herstellen.

Auf der Brücke der PC-815 bot Ron an, das andere Schiff zu einem Angriff zu führen, indem er eine Pfeiffe blasen würde, sobald das Schiff seine Unterwasserbomben einsetzen sollte. “Mit dem Bug der SC-536 fast an unserem Fahnenmasten“, schreibt Ron, “kamen wir in Gefechtsposition ...” Fünf Bomben wurden beim ersten Angriff abgesetzt, zwei beim zweiten.

“Die Beobachtungsschiffe begannen in der Umgebung Öl- und Luftblasen, schließlich auch ein Periskop zu sichten. Auch dieses Schiff sichtete Luftblasen ... Um 16.06 wurde von Öl berichtet – auch dieses Schiff sichtete Öl. Große Luftblasen wurden gesehen und der Echoloter berichtete von Geräuschen von explodierenden Tanks ... Jetzt wurden alle Kanonen bemannt, denn es wurde angenommen, daß das U-Boot auftauchen würde. Jedermann war sehr still, nur die Kanoniere scherzten, wer wohl den ersten Schuß abfeuern würde.”

Doch das U-Boot tauchte nicht auf. Ron war in keiner Weise entmutigt; ja, es scheint so, als ob er davon überzeugt war, daß nicht nur ein, sondern zwei U-Boote unter ihnen lauerten. Sein Echoloter hatte berichtet, daß er ein paar Stunden zuvor einen zweiten Kontakt hergestellt hatte.

Kurz vor fünf Uhr brachte ein Patrouillenboot der Küstenwache weitere Munition. Das Boot legte seitlich an, und 27 weitere Unterwasserbomben wurden auf die USS PC-815 gebracht und zum Abfeuern vorbereitet. Nicht lange danach traf ein zweites Patrouillenboot der Küstenwache ein, die Bonham, gefolgt von einem weiteren U-Boot Jäger, der USS SC-537. Jetzt waren insgesamt fünf Schiffe und zwei Beobachtungsboote in die Suche nach feindlichen U-Booten vor der Küste von Oregon involviert.

Während des ganzen nächsten Tages wurden die Peilungs- und Suchoperationen fortgesetzt, obwohl nicht alle der beteiligten Kommandanten überzeugt davon bzw. Interesse daran hatten. “Weder die SC-537 noch die Bonham”, notierte Ron, “zeigten irgendein Verständnis und weigerten sich zu kooperieren.” Die SC-537, fügte er mit kaum verhohlener Abscheu hinzu, setzte noch nicht mal eine einzige Bombe ab. Wie zum Ausgleich ritt die US-815 eine Attacke nach der anderen, fuhr mit großer Geschwindigkeit hin und her und feuerte Salve auf Salve ab.

Und noch immer trieben kein Wrack und keine Körper auf der Oberfläche. Ron wurde davon überhaupt nicht abgeschreckt. “Aufgrund der Tatsache, daß wir am Vortag dreimal zwei Unterwasserobjekte gepeilt hatten, gingen wir davon aus, daß eines bis auf 90 Faden abgetaucht war, denn keines war ja an der Oberfläche erschienen. Das andere hatte seine Batterien immer noch gut aufgeladen und konnte bei hoher Geschwindigkeit auch Angriffe ausführen ...”

“Während der ganzen folgenden Nacht hielt die USS PC-815 die Gegend so sauber, als sie konnte. Das Mondlicht enthüllte Ölschlieren, die wir untersuchten; doch waren die Schlieren zu dünn, um Proben davon nehmen zu können ...” Ein Bericht, daß das U-Boot vor Sand Lake aufgetaucht war, veranlasste alle Schiffe außer der Bonham so schnell wie möglich nach Norden zur angegebenen Position zu fahren. Doch bevor man noch die Höchstgeschwindigkeit erreicht hatte, wurde das gemeldete U-Boot zu einem Fischerboot berichtigt.

“Am 21. Mai 1943 um 7.00 Uhr früh war dieses Schiff in der Nähe der Angriffspositionen der vorherigen Nacht und stellte die Suche ein ... Plötzlich kam eine Blase mit dickem, orange gefärbtem Öl ganz nahe Backbord an die Oberfläche ... Der Kommandierende Offizier kam nach vorne zum Doppeldeck und sah eine zweite Blase von orangem Öl auf der anderen Seite des Bugs. Der Peilungsmatrose berichtete lautstark, daß er explodierende Tanks Backbord hörte.

Alle auf der Brücke sahen dann das Periskop, das sich von links nach rechts bewegte und durch die erste Ölblase ungefähr 2 Fuß (~ 60 cm) in die Höhe ragte. Das Gehäuse und die Linsen waren unverkennbar ... Bei Erscheinen des Periskops feuerten beide Kanoniere direkt ins Periskop, Entfernung ungefähr 50 Yards. Das Periskop verschwand in einer Explosion von 20 mm Kugeln.”

Die USS PC-815 attackierte noch ein weiteres Mal und setzte ihre zwei letzten Unterwasserbomben ab. Um Mitternacht, nach ungefähr 68 Stunden Kampfhandlungen, erhielt Ron den Befehl, nach Astoria zurückzukehren.

Er bemerkte in seinem Bericht ziemlich säuerlich, daß sie bei ihrer Rückkehr mit “beträchtlicher Skepsis” empfangen wurden. Nichtsdestotrotz waren seine Schlußfolgerungen unzweideutig: “Es wird insbesondere beansprucht, daß einem U-Boot, vermutlich japanisch, möglicherweise ein Minenleger, ein solcher Schaden zugefügt wurde, daß es den Schauplatz nicht mehr verlassen konnte. Außerdem ein zweites, vermutlich japanisch, möglicherweise ebenso ein Minenleger, derart getroffen wurde, daß es nicht mehr in seinen Heimathafen zurückkehren konnte.”

“Dieses Schiff wünscht sich keine Anerkennung für sich selbst. Es wurde als U-Boot Jäger gebaut. Seine Besatzung wurde dazu ausgebildet, U-Boote zu jagen. Obwohl über den Ursprungsbefehl hinausgegangen und schon beim ersten Kontakt attackiert wurde, hat dieses Schiff das Gefühl, nur seine Pflicht getan zu haben und ist bereit für den nächsten Einsatz.”

Trotz des Skeptizismus richtete die US-Marine eine sofortige Untersuchungskommission zu diesem Vorfall ein. Seit Pearl Harbor waren die Amerikaner wegen der Möglichkeit eines Angriff auf ihr Festland mittels japanischer U-Boote nervös geworden. Im Februar 1942 war ein einzelnes feindliches U-Boot ungefähr eine Meile vor der Küste bei Santa Barbara, Kalifornien, aufgetaucht und hatte 25 Granaten auf eine Ölraffinerie abgefeuert. Wenn es einmal passiert war, konnte es möglicherweise wieder passieren; daher wollte die Marine mit Sicherheit wissen, ob die USS PC-815 vor der Küste von Oregon tatsächlich über ein feindliches U-Boot gestolpert war.

Der Kommandierende und der Erste Offizier der USS PC-815 wurden zur sofortigen Berichterstattung zu General Frank Jack Fletcher, Oberkommanierender über die nordwestliche Seegrenze, nach Seattle abkommandiert. Fletcher studierte Rons 18-seitigen Schlachtbericht und befragte auch die Kommandanten der vier anderen Schiffe sowie der zwei kleineren Boote. Die Bandaufzeichnung der Angriffe der USS PC-815, die die Stärke und die Charakteristiken der Sonarsignale aufzeichnete, wurde von Experten ausgewertet. Als dann alle Berichte vorlagen, kam Fletcher schnell zu der Schlußfolgerung, daß die 100 Unterseebomben, die während der “Schlacht” abgesetzt worden waren, vermutlich ein paar Fische, aber keine Japaner getötet hatten.

In einem geheimen Memorandum an den Oberkommandierenden der Pazifik-Flotte, datiert vom 8. Juni 1943, stellt Fletcher fest: “Eine Analyse aller Berichte bringt mich zu der Überzeugung, daß keine U-Boote im betreffenden Gebiet waren. Der Kommandant Lieutenant Sullivan (der Kommandant der beiden kleineren Boote) stellt fest, daß er keinen Beweis der Anwesenheit eines U-Bootes sehen konnte außer einer Luftblase, die nicht erklärt werden kann außer vielleicht durch Wasserturbulenzen ausgelöst durch die Explosion einer Unterwasserbombe. Die Kommandanten aller Schiffe außer der USS PC-815 stellen fest, daß sie keinen Beweis für die Anwesenheit eines U-Bootes haben und nicht glauben, daß ein U-Boot im betreffenden Gebiet war.”[7]

Fletcher fügte hinzu, daß es bekannt sei, daß es in der Region, wo die Unterwasserbomben gezündet worden waren, eine “bekannte magnetische Ablagerstätte” gäbe. Die Implikation war klar: Lieutenant Hubbard, der Kommandierende der USS PC-815, hatte eine zweitägige Schlacht mit einer magnetischen Ablagerung ausgefochten.

Weder Ron noch Moulton wollten diese Schlußfolgerung akzeptieren. Sie glaubten, daß das Abstreiten der Existenz der U-Boote politische Gründe hatte, um die Bevölkerung nicht zu beunruhigen. Moulton wies darauf hin, daß das Readers Digest kurz zuvor eine Geschichte über den Angriff auf die Ölraffinerie in der Nähe von Santa Barbara veröffentlicht hatte. Das hatte Panik unter den Menschen hevorgerufen, die entlang der Küste Kaliforniens lebten. Daher war es kaum überraschend, so schlossen beide, daß die Führungskräfte das Faktum vertuschen wollten, daß Schiffe der US Marine nur etwa 10 Meilen vor der Küste Oregons mit feindlichen U-Booten gekämpft hatten.

Die enttäuschte Besatzung der USS PC-815, die zweifellos erwartet hatte, daß man als siegreiche Helden nach Hause zurückkehren würde, mußte mit dieser Erklärung beruhigt werden; man mußte auf die öffentliche Anerkennung dieser ihrer Schlacht verzichten. Das war eine bittere Pille, die sie da zu schlucken hatten. Die einzige Anerkennung, die der Kommandant für die Besatzung arrangieren konnte, war eine besondere Aufmerksamkeit, die am Tag ihrer Rückkehr nach Astoria im Logbuch des Schiffs vermerkt wurde: “Man brachte uns Eistee an Bord.”

Als Kommandant war Lieutenant Hubbards Akte durch den vernichtenden Bericht des Admirals fraglos verdorben, obwohl es keinen Vorschlag gab, daß er vom Kommando enthoben werden sollte. Es gab im Dienst eine Menge gutmütiger Witzeleien über den Mann, der ein Magnetfeld angegriffen hatte, und es wäre schließlich wahrscheinlich einfach vergessen worden und hätte Rons Karriere nicht weiter beeinträchtigt, doch war die glücklose USS PC-815 schon bald in noch schlimmeren Schwierigkeiten.

Gegen Ende Mai wurde die PC-815 dazu abkommandiert, einen neuen Flugzeugträger von Portland nach San Diego zu eskortieren. Glücklicherweise verlief diese Fahrt ohne Zwischenfall. Bei der Ankunft in San Diego verabschiedete sich Ron von seinem Freund Tom Moulton, der dem Hauptquartier der 13. Marineabteilung in Seattle für weitere Aufgaben zugeteilt worden war.

San Diego ist die südlichste Küstenstadt Kaliforniens – nur zehn Meilen von der mexikanischen Grenze bei Tijuana entfernt. Unmittelbar vor der Küste Tijuanas gibt es eine kleine Inselgruppe, die Koronaden, die von den lokalen Fischern dazu benutzt werden um ihre Netze zu trocknen.

Am Nachmittag des 28. Juni fuhr die PC-815 ohne es zu bemerken in mexikanische Gewässer ein und feuerte vier Schüsse mit ihrer 3-Inch Kanone in Richtung der Koronaden. Sie ankerte dann vor der Insel und man feuerte mit kleinen Waffen (Pistolen und Gewehren) ins Wasser.

Die mexikanische Regierung dürfte vermutlich nicht gedacht haben, daß die USA einen Überraschungsangriff gestartet hatten, doch war der Zwischenfall ernst genug, daß ein offizieller Protest eingelegt wurde. Lieutenant Hubbard, dessen berüchtigte Schlacht mit einem Magnetfeld noch nicht lange her war, war nicht gerade in der Position, daß ihm dieser neue Schnitzer nachgesehen werden konnte.

Am 30. Juni wurde in San Diego ein Untersuchungskommission an Bord der PC-815 einberufen. Lieutenant Hubbard war der erste, der einvernommen wurde. Voller Überzeugung verneinte er, etwas falsch gemacht zu haben. Er hatte die Schüsse angeordnet, denn er war besorgt darum, seine Crew zu trainieren – und er hatte geglaubt, mit Recht in diesem Gebiet sein zu können. Als er gefragt wurde, warum er für die Nacht Anker gesetzt hatte, gab er zu, daß er nicht die ganze Nacht auf der Brücke hatte verbringen wollen. “Bei drei verschiedenen Gelegenheiten”, fügte er hinzu, “als ich meine diensthabenden Offiziere auf der Brücke allein gelassen habe, haben sie sich verirrt.”[8]

Der nächste Zeuge war der Offizier für die Schußwaffen, der blauäugig gestand, daß er der Meinung war, daß die Koronaden zu den Vereinigten Staaten gehörten. Nachdem die Untersuchungskommisssion dann insgesamt mehr als 13 Stunden an Zeugenaussagen und Beweisen gehört hatte, kam sie zu dem Schluß, daß Lieutenant Hubbard Befehle mißachtet hatte, sowohl aufgrund des Waffengebrauchs als auch weil er ohne entsprechende Authorisierung auf mexikanischem Territorium geankert hatte.

Unter Berücksichtigung der kurzen Zeit, die er Kommandant war, wurde empfohlen, daß er anstatt harter Disziplinarmaßnahmen, die diese Delikte eigentlich verdient hätten, nur verwarnt wurde.[9] Doch wurde auch entschieden, daß ihm andere Pflichten übertragen werden sollten.

Am 7. Juli nach nur 80 Tagen als Kommandant seines eigenen Schiffs signierte Ron seine letzte Seite im Logbuch der PC-815: “13.45, signiert bei der Ablöse, L.R. Hubbard.”

In einem Eignungsbericht, der seine kurze Karriere als Kommandant umfasste, qualifizierte der ehemalige General E. A. Braisted, Kommandant für die Ausbildung in der Marine, Lieutenant L.R. Hubbard als “unterdurchschnittlich” ein und bemerkte dazu: “Bedenken Sie, daß man bei diesem Offizier die essentiellen Qualitäten von Urteilsfähigkeit, Führungstärke und Kooperation vermisst. Er handelt ohne sich über die möglichen Konsequenzen Gedanken zu machen. Es scheint ihm ernst gewesen zu sein, sein Schiff effizient und bereit zu machen. Nicht qualifiziert für die Übernahme eines Kommandos oder Beförderung. Empfohlener Dienst: Auf einem großen Schiff, wo er angemessen beaufsichtigt werden kann.”[10]

Ron wurde vorübergehend zum Bürodienst im Hauptquartier der elften Marineabteilung in San Diego eingesetzt, wo er sich umgehend mit einer Vielzahl an Leiden krank meldete, die von Malaria über Zwölffingerdarmgeschwür bis zu Rückenschmerzen ging. Er wurde im örtlichen Marinekrankenhaus zur Beobachtung aufgenommen und blieb fast drei Monate als stationärer Patient dort. Er schrieb nach Hause, um seine Familie darüber zu informieren, daß er im Krankenhaus war, weil er eine nicht explodierte Granate vom Deck seines Schiffes genommen und über Bord geworfen hatte; sie war dann bei seinem Wurf mitten in der Luft explodiert und hatte ihn verletzt ...[11]

In späteren Jahren würde Ron dann erzählen, wie er den Mitarbeitern im San Diego Marinekrankenhaus während dieser Zeit geholfen hatte.[12] Angeblich war ein ganzes Regiment von Marines mit einer Krankheit namens Filoriasis nach Hause gebracht worden, über die die Ärzte nichts wußten. Ron, aufgrund seiner Erfahrung im “Südpazifik”, riet ihnen, obwohl es ein Serum zur Behandlung gab, daß ein kurzer Aufenthalt im kalten Klima sie genauso gut heilen würde. Also wurde dann das Regiment nach Alaska geschickt, wo (wie Ron sagt) “ich sicher bin, daß sie alle geheilt wurden”.

Nach dieser guten Tat wurde Ron dann im Oktober 1943 auf einen sechswöchigen Kurs an das Trainingscenter für kleine Schiffe auf die Terminal Inseln bei San Pedro, Kalifornien, geschickt. Im Dezember hörte er dann, daß man ihm noch eine Chance auf See geben würde – als Navigationsoffizier der USS Algol, einem Amphibienschiff, das sowohl für Cargo als auch zum Angriff eingesetzt werden konnte und zu der Zeit in Portland gebaut wurde.

Aus einem Tagebucheintrag läßt sich schliessen, daß er nicht besonders begeistert davon war, wieder zur See zu fahren, bzw. überhaupt in der Marine zu sein. “Meine Heil liegt darin, das über mich ergehen zu lassen”, notierte er finster am 6. Jaunar 1944, “nämlich zu schreiben, schreiben, und nochmal schreiben. In die Tasten zu hämmern, bis die Finger bis zum zweiten Gelenk abgewetzt sind und dann weiter in die Tasten zu hämmern. Durchschriften aufzustapeln, Geschichten zu sammeln, die Leinen zu lösen und mein Leben ganz generell entlang dieses einen Erfolgs auszurichten, den ich jemals hatte.”[13]

“Das einzige, was mich je als Schriftsteller beeinträchtigt hat”, erinnert er sich Jahre später in einem Zeitungsinterview,[14] “war die US-Marine, als Schreiben aus Sicherheitsgründen verboten war. Ich war 2 Jahre lang stumm, bis ich es nicht mehr aushalten konnte. Dann ging ich, besorgte mir eine Schreibmaschine und schrieb mit einem Stetson-Hut am Kopf mitten in einer Schlacht einen historischen Kostümroman, der niemals veröffentlicht wurde.”

Die ersten sechs Monate 1944 blieb Ron in Portland, bis die Algol fertig ausgestattet war. Die Nachrichten über den Pazifikkrieg berichteten von erbitterten Kämpfen und schweren Verlusten. Die US-Marine kämpfte sich Insel für Insel nach Japan vor, doch zu welchem Preis! Bei einem Angriff auf das Tarawa Atoll wurden mehr als 1000 Amerikaner getötet und zweitausend verwundet: Bilder von den Stränden, die übersät waren mit toten Marines, schockten die Nation und brachten die furchtbare Realität des Krieges auch nach Hause. Am 15. Juni begannen zwei Divisionen der US-Marine einen Angriff auf Saipan auf den südlichen Marianen; in der darauffolgenden Schlacht wurden 16 500 Amerikaner getötet oder verwundet.

Die USS Algol wurde im Juli fertiggestellt und sofort für Probefahrten zur See gelassen. Während der Monate August und September trainierte man auf dem Meer. Als Navigationsoffizier signierte Ron das Logbuch des Schiffs täglich, doch gab es wenig zu berichten außer “unterwegs wie bisher”. Es scheint, als ob er nicht mehr so sehr auf Action versessen war, denn am 9. September suchte er um einen Termin bei der Schule der Militärleitung an. Darin zitierte er als Qualifikationen u.a. seine Ausbildung zum Zivilingenieur, die Mitgliedschaft im Explorer Club, die ausgedehnten Reisen im Fernen Osten und seine Erfahrung im Umgang mit Eingeborenen. Der Kommandant der Algol genehmigte sein Ansuchen, notierte aber in seinem Tauglichkeitsbericht, daß Lieutenant Hubbard einerseits ein fähiger und energischer Offizier war, andererseits aber auch “sehr temperamentvoll und schnell beleidigt”.

Am 22. September schließlich wurde die Algol nach Oakland, Kalifornien, beordert. Dort sollte sie Nachschub laden – Vorbereitungen, um in den Krieg zu ziehen. Aufgeregte Gerüchte innerhalb der Mannschaft besagten, daß man Teil einer neuen Offensive im Pazifik werden sollte, die die Japaner entgültig bezwingen sollte.

Am 27. September um 16.30 nachmittags – Ron sollte am nächsten Tag nach Princeton aufbrechen – verzeichnet das Logbuch ein ungewöhnliches Ereignes: “Der Navigationsoffizier meldete an den diensttuenden Offizier, daß ein Versuch von Sabatage (!! - ebenso im Original) irgendwann zwischen 15.30 und 16.00 unternommen worden war. Eine Cola-Flasche gefüllt mit Benzin und mit einem Lappen als Zündschnur war zwischen der Ladung versteckt worden, die an Bord gehoben und im ersten Frachtraum gelagert werden sollte. Die Flasche wurde entdeckt, bevor die Ladung an Bord kam. ONI, FBI und NSD kamen zum Schauplatz des Geschehens und Untersuchungen wurden angestellt.”[15]

Das Ereignis wurde nicht weiter erwähnt. Es gab keine Erklärung, warum Lieutenant Hubbard, der Navigationsoffizier, in der Ladung herumgestöbert oder wie er es geschafft hatte, die “Petroleumbombe” zu finden. Auch über das Ergebnis der Untersuchungen gibt es keine Aufzeichnungen. Am gleichen Abend kurz nach 10 Uhr abends wurde eine kurze Meldung verbreitet: “Lt Lafayette Ron Hubbard, D-v (5), USNR 113392 ist mit sofortiger Wirkung vom Dienst suspendiert.”

Am 4. Oktober legte die USS Algol Richtung Eniwetok Atoll bei den Marshall Inseln ab, von wo sie dann an der Invasion von Luzon (Philippinen) und bei der Landung bei Okinawa teilnahm. Diese Kämpfe brachten ihr zwei Sterne ein. Ihr ehemaliger Navigationsoffizier war inzwischen auf einem 4-monatigen Kurs für “Militärische Führung” an der Marine-Ausbildungsakademie in Princeton, was ihn nachher sogar dazu veranlasste zu behaupten, daß er seine Ausbildung an der ehrwürdigen Eliteuniversität mit dem gleichen Namen abgeschlossen hätte.

Während er in Princeton war, wurde Ron zu einer Gruppe von Science-Fiction Autoren eingeladen, die sich jedes Wochenende in Robert Heinlein's Apartment in Philadelphia trafen. In diesem Kreis wurden Möglichkeiten diskutiert, wie man der Bedrohung durch Kamikaze-Flieger entgegentreten konnte. Es waren dies halb-offizielle Treffen zum Gedankenaustausch, die Heinlein auf Bitte der Marine organisierte; man hatte die schwache Hoffnung, daß dort Ideen zu einer wirksamen Gegenwehr gegen junge japanische Piloten auf Selbstmordmission entwickelt werden könnten. “Ich war beauftragt worden, Science-Fiction Autoren für dieses Sofortprogramm zusammen zu bringen”, erinnerte sich Heinlein, “die wildesten Köpfe, die ich finden konnte.”[16]

Heinleins Apartment war nur 300 Yards von der Broad Street Station im Zentrum von Philadelphia entfernt. Die Mitglieder versammelten sich an Samstag Nachmittagen; man kam mit den Pennsylvania Railroad Zügen an, die halbstündlich an der Broad Street Halt machten. “An Samstag Abenden beherbergte ich 2-3 Leute in meinem Bett, 2 auf der Couch und den Rest auf dem Boden des Wohnzimmers. Wenn es immer noch zu viele waren, schickte ich die Leute einen Block weiter zu einem Freund, der mehr Platz am Boden, wenn nicht sogar Betten hatte.”

Heinlein versuchte zu vermeiden, Ron die Strasse hinunter zu schicken, denn Ron hatte gesagt, daß er seine beiden Beine gebrochen hatte, als sein letztes Schiff bombardiert worden war. “Ron war im Krieg sehr viel zum Einsatz gekommen – 4 Mal versenkt worden (!), und immer wieder verwundet”, erklärte Heinlein mit Sympathie.

Der Sonntag Morgen war für die Arbeitssitzung reserviert; danach saß man beisammen und tauschte Geschichten und Scherze aus. Ron nahm dann oft seine Gitarre und unterhielt die Runde mit seinem vollen Bariton mit Lieder wie “15 Männer auf einer Totenkiste” oder “Durch sie lernte ich die Frauen kennen”. Er konnte die versammelte Gesellschaft auch mit seinem Repertoire von kurzen Burlesken , in denen er alle Rollen spielte, aufs Beste amüsieren.

Am Samstag, den 2. Dezember, gab Jack Williamson, damals Sergeant der US Army, in Philadelphia ein Dinner für die anderen Science-Fiction Autoren und ihre Frauen. Er paar Tage später sollte er nach Übersee gehen und dies war seine Abschiedsparty. Unter den Anwesenden waren die Heinleins, die de Camps, die Asimovs und L. Ron Hubbard. “Der Star des Abends”, erinnerte sich Isaac Asimov, “war Ron Hubbard. Heinlein, de Camp und ich waren alle Primadonnen, jeder wollte im Blickpunkt der Aufmerksamkeit stehen – normalerweise. Doch bei dieser Gelegenheit saßen wir alle still wie die Mäuschen und hörten Hubbard zu. Er erzählte seine Geschichten in völliger Gelassenheit und mit perfekten Absätzen.”[17]

Der Gastgeber war weniger beeindruckt. “Hubbard war gerade zurück von den Aleuten”, sagte Williamson, “und er deutete verzweifelte Aktionen an Bord eines Zerstörers an; Abenteuer, über die er wegen militärischer Geheimhaltungspflicht nicht viel sagen konnte. Ich erinnere mich an seine Augen, argwöhnische, hellblaue Augen, die ich irgendwie mit den Pistolenhelden des Wilden Westens in Verbindung bringe. Er beobachtete mich scharf, während er sprach, als ob er sehen wollte, wieviel ich glaubte. Nicht sehr viel.”[18]

Heinleins Gruppe brachte keine Ideen hervor, wie die Marine sich vor Verlusten durch Kamikaze-Piloten schützen konnte; doch das machte nicht mehr viel aus, denn der Krieg neigte sich seinem Ende zu und den Japanern gingen sowohl die Flugzeuge als auch die Piloten aus, um sie zu fliegen. Der letzte große Kamikaze-Angriff war im Januar 1945 gegen die US-Flotte gerichtet (u.a. auch gegen Rons altes Schiff, die USS Algol), die auch an der Erstürmung von Luzon teilnahm. Im gleichen Monat wurde Ron zur weiteren Ausbildung an die Staging Area für zivile Angelegenheiten der Marine in Monterey, Kalifornien, versetzt. Seinen Kurs an der Schule für Militärische Führung hatte er im Mittelfeld der insgesamt 300 Studenten abgeschlossen. In April meldete er sich wieder krank; man diagnostizierte Verdacht auf Magengeschwür.

Am 2. September 1945, nach dem Horror von Hiroshima und Nagasaki, unterzeichneten die Japaner die Kapitulation auf dem Deck der USS Missouri, die in der Bucht von Tokio vor Anker lag. Drei Tage später wurde Ron wieder an das Oak Knoll Marine Krankenhaus überwiesen, doch nicht infolge von heroischen Kriegsverletzungen, sondern um wegen eines “gastritischen Leidens” behandelt zu werden. In dieser wenig glorreichen Situation, in der er an einem vermuteten Zwölffingerdarmgeschwür litt, endete der Krieg für Lieutenant L. Ron Hubbard, US Marinereserve.

Er aber, natürlich, sah es ein wenig anders: “Blind aufgrund verletzter Sehnerven und lahm mit Verletzungen an Hüfte und Rücken gab es für mich am Ende des zweiten Weltkriegs praktisch keine Zukunft... Ich war von Familie und Freunden verlassen als ein hoffnungsloser Krüppel, der für den Rest seiner Tage vermutlich nur mehr eine Last sein würde... Ich gewöhnte mich daran zu hören, daß es für mich keine Hoffnung und keine Zukunft mehr gäbe. Und doch konnte ich dann wieder sehen und gehen...”[19]

Wenn man seinem eigenen Bericht über seine Kriegserlebnisse glauben will, verdient er mit Sicherheit die 21 Medaillen und Orden, die er angeblich bekommen hat. Unglücklicherweise jedoch sind in seiner Personalakte nur 4 Medaillen verzeichnet – die amerikanische Verteidigungsmedaille, die jeder bekam, der zur Zeit von Pearl Harbour in der Armee war, die amerikanische Campaign Medaille, die asiatisch-pazifische Campaign Medaille und die Siegesmedaille des 2. Weltkriegs, die jeder bekam, der zur Zeit des Siegs noch im Dienst war.

 

 



[1] Memorandum von Hubbard an Magnuson, 22. Juli 1941

[2] Memorandum an einen Assistenz-Hydrographen, 22. Oktober, 1941

[3] Meldung des US-Marine Attachés, Melbourne, 14. Februar 1942

[4] Memorandum des CO USS YP-422, 12. September 1942

[5] Zeugenaussage Moulton im Prozeß Scientology gegen Armstrong, 21.5.1984

[6] USS PC-815 Schlachtbericht, 24. Mai 1943

[7] Memorandum der Kommandierenden NW Seegrenze, 8. Juni 1943

[8] Bericht der Untersuchungskommission, USS PC-815, 30. Juni 1943

[9] Verwarnungsbrief des Kommandanten, Trainingskommando der Pazifik-Flotte, 15. Juli 1943

[10] Bericht über die Tauglichkeit von Offizieren, 29.Mai – 7. Juli 1943

[11] Brief von L. Ron Hubbard Jr., 26. Januar 1973

[12] L. Ron Hubbard, Autobiographische Notizen, 1972

[13] Ron, der Schriftsteller

[14] Rocky Mountain News, 20. Februar 1983

[15] Logbuch der USS Algol, US National Archiv

[16] Vorwort zu Godbody von Theodore Sturgeon, 1986

[17] Asimov, op. cit.

[18] Williamson, op. cit.

[19] Hubbard, Meine Philosophie, 1965