BARE-FACED MESSIAH
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Kapitel 1

Ein dubioses Wunder

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Gemäß dem bunten Seemannsgarn, das L. Ron Hubbard von seinen Anhängern gesponnen wird, stammte er mütterlicherseits von einem französischen Adeligen namens Count De Loupe ab, der an der normannischen Invasion Englands im Jahre 1066 beteiligt gewesen sein soll; väterlicherseits stammten die Hubbards von englischen Siedlern ab, die im 19. Jahrhundert in Amerika eintrafen. Sie waren angeblich alles in allem eine hervorragende Seefahrerfamilie: Sowohl sein Urgroßvater mütterlicherseits 'Captain' I. C. DeWolfe also auch sein Großvater 'Captain' Lafayette Waterbury „halfen mit, amerikanischen Marinegeschichte zu schreiben“[1]. Sein Vater war 'Commander' Harry Ross Hubbard von der US Marine.

 

Da sein Vater für lange Zeiträume zur See war, wird erzählt, daß der kleine Ron auf der riesigen Rinder-Ranch seines Großvaters in Montana aufwuchs, die angeblich ein Viertel der Größe des Staates umfasste (was einer Größe von 35.000 km² entsprechen würde!). Seine pittoresken Freunde waren Ranger, Cowboys und ein indianischer Medizinmann. „L. Ron Hubbard fand das Leben eines jungen Rangers sehr angenehm. Man verbrachte lange Tage mit Reiten, dem Zähmen von Wildpferden und der Jagd nach Coyoten; er unternahm so die ersten Schritte als Forscher. Denn es war in Montana, als er seine erste Begegnung mit einer fremden Kultur hatte – den Schwarzfuß (Pikuni) Indianern. Er wurde Blutsbruder der Pikuni und schrieb über sie in seiner ersten Veröffentlichung Buckskin Brigades. Im Alter von 10 Jahren kehrte er zu seiner Familie zurück. Sein Vater, alarmiert durch den offensichtlichen Mangel an formaler Ausbildung, begann sofort ein intensives Bildungsprogramm mit ihm, um die Zeit wieder gutzumachen, die er in der Wildnis von Montana „verloren“ hatte. Daher hatte L. Ron Hubbard bereits im Alter von 12 Jahren einen Gutteil der größten Klassiker der Weltliteratur gelesen – und sein Interesse an Philosophie und Religion war geweckt.“[2]

 

(Scientology's Zusammenfassung der Jahre 1911-23.)

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Praktisch nichts davon ist wahr. Die wahre Geschichte von L. Ron Hubbards frühen Jahren ist wesentlich weniger prosaisch und beginnt nicht auf einer Rinder-Ranch, sondern mit einer Abfolge gemieteter und notwendigerweise wenig luxuriöser Apartements, da sein Vater ein ums Überleben kämpfender Angestellter war, der von einem Job zum nächsten wechselte. Sein Großvater war weder ein hervorragender Marinekapitän, noch ein reicher Rinderbaron, sondern ein kleiner Tierarzt, der nebenher einen Mietstall betrieb und so sein Einkommen mit der Vermietung von Pferden und Kutschen aufbesserte. Jedoch stimmt es, daß sein Name Lafayette O. Waterbury war.

Soweit man wußte, kamen die Waterburys aus den Catskills, einer waldreichen Bergregion im Staat New York, im frühen 19. Jahrhundert berühmt als Kulisse für Washington Irvings bekannter Kurzgeschichte über Rip van Winkle – einer Figur, die nur unwesentlich fantastischer ist als Waterburys bekanntester Sprößling.

Tekstvak:  
Abram Waterbury, L. Ron Hubbards Urgroßvater, der eine Fiddel mit einem eingravierten Negerkopf spielte. Dieses Instrument wurde Teil einer Familienlegende. 
(Die Reisen der Hubbards und Waterburys 1860 bis 1922.)

Kurz bevor das Getümmel des amerikanischen Bürgerkriegs die Nation spaltete, verließen Abram Waterbury und seine junge Frau Margaret die Catskills zusammen mit tausenden anderer hoffnungsvoller Siedler auf Planwagen Richtung Westen, um für sich eine bessere Zukunft zu suchen. Um 1863 hatte er sich als Tierarzt in Grand Rapids, Michigan, niedergelassen. Am 25. Juli 1864 gebar Margaret einen Sohn namens Lafayette, möglicherweise benannt nach der Stadt in Indiana, in der sie auf ihrer Reise einen Zwischenstop eingelegt hatten, bevor sie sich nach Norden Richtung Grand Rapids gewandt hatten.

Lafayette, unzweifelhaft dankbar, daß er unter seinen Freunden als Lafe bekannt war, lernte die veterinärmedizinischen Behandlungsmethoden von seinem Vater und heiratete vor seinem 20. Lebensjahr. Seine Braut war die 21jährige Ida Corinne DeWolfe aus Hampshire, Illinois. Diese war kleinwüchsig, von freundlicher Wesensart, intelligent und willensstark. Ihre Mutter war mit ihrem achten Kind zusammen im Kindbett gestorben, als Ida 16 war. Ihr Vater John DeWolfe war ein wohlhabender Banker, der einer phantasievollen Familienlegende über den Ursprung der DeWolfes in Europa anhing. Details und Daten waren vage, aber die Essenz der Geschichte war in etwa die, daß ein Höfling einen Prinzen auf einer Jagdexpedition irgendwo in Frankreich begleitet und seinen Herren vor einer Wolfsattacke gerettet hatte. Aus Dank hatte der Prinz den treuen Höfling geadelt und ihm den Titel eines Count de Loupe verliehen; ein Titel, der schließlich zu DeWolfe anglikanisiert wurde. (Es gibt keine Aufzeichnungen, die die Authentizität dieser Geschichte bezeugen, weder in England noch in Frankreich; Vize-Admiral Harry De Wolf, in 12. Generation von Balthazar De Wolf abstammend, dem ersten de Wolf in Amerika, sagt, daß er noch nie von einem Count de loupe gehört habe.)[3]

DeWolfe bot dem jungen Paar die Nutzung einer Farm in Nebraska an, die ihm gehörte – unter der Bedingung, daß Lafe das Anwesen erhalten und verbessern sollte. Diese Farm war in der Nähe von Burnett, einer Siedlung am Elkhorn River ca. hundert Meilen westlich von Omaha, die erst vor kurzem aufgrund der Ankunft der pazifischen Eisenbahn gegründet worden war.

Burnett war eine unspektakuläre Ansammlung von Blockhütten, Unterständen und Kiefernholzverschlägen, die in einer weitläufigen Biegung des Flusses bunt durcheinander gewürfelt dalagen, umgeben von der sanft wogenden Prärie. Es wäre wohl nie auf einer Landkarte eingetragen worden, hätten die Einwohner nicht die Eisenbahngesellschaft davon überzeugt, in der Nähe eine Station einzurichten. Der erste Zug kam 1879 an. Die Stadt entwickelte sich daraufhin eher um das Eisenbahndepot herum als am Fluß weiter. Innerhalb weniger Jahre gab es eine Gemischtwarenhandlung, einen Saloon und einen Mietstall. Das Davis House Hotel, eröffnet 1884, wurde als das vornehmste Hotel entlang der gesamten Bahnstrecke von Fremont, Elkhorn und Missouri Valley angesehen.

Zu der Zeit, als Lafe und Ida Waterbury in Burnett ankamen, kurz nach der Eröffnung des Hotels, war Ida hochschwanger. Eine Tochter namens Ledora May kam 1885 zur Welt. Während der nächsten 20 Jahre bekam Ida sieben weitere Kinder und kümmerte sich selbstlos darum, eine glückliche, eng zusammengehörige und von hohen Idealen geprägte Familie zu schaffen.

Rons Großvater besaß angeblich ein Viertel des Staates Montana. Hier sieht man ihn, wie er wirklich war, ein ums Überleben kämpfender Tierarzt. Neben ihm sitzt seine Frau und ihr erstes Kind (Rons Mutter) in Tilden, Nebraska. Das Bild stammt aus den späten 1880er Jahren.

Ein paar Jahre lang arbeitete Lafe auf der Farm seines Schwiegervaters. Als DeWolfe jedoch seine Absicht ankündigte, seine anderen Kinder zu enterben und das Anwesen nur Ida und Lafe zu übertragen, entspann sich ein erbitterter Familienstreit. Um nicht zum Grund für den Unfrieden in der Familie zu werden, verließ Lafe die Farm, eröffnete in der Stadt auf der zweiten Straße einen Mietstall und etablierte sich als Tierarzt. Sein Geschäft war ein Erfolg, denn er war in der Gegend beliebt und respektiert, vor allem nach dem er eine Hauptrolle in einem örtlichen Familiendrama gespielt hatte, das für kurze Zeit den Klatsch der Stadt bestimmte: Idas Schwester, die ebenfalls nach Burnett gezogen war, wachte nämlich eines Morgens auf, um zu entdecken, daß ihr Ehemann sie mitsamt ihres kleinen Sohnes Richtung New York verlassen hatte. Lafe packte sofort seinen Koffer, setzte sich in den Zug nach New York, spürte den abhanden gekommenen Ehemann auf und kehrte triumphierend mit seinem kleinen Neffen unter dem Arm wieder nach Burnett zurück.

Als Ida 1886 eine weitere Tochter zur Welt brachte, nannten sie das Baby in einer für sie typischen, warmherzigen Geste Toilie. Ein junger Mann, der des öfteren zum Mietstall kam, war nämlich mit einem Mädchen namens Toilie verlobt gewesen, bevor er seinen Verstand verloren hatte. Wann immer er sich dann “eigenartig” fühlte, suchte er Lafe auf, dessen Gesellschaft ihn wieder beruhigte. Als dieser junge Mann hörte, daß Ida und Lafe Nachwuchs hatten, fragte er zaghaft an, ob das Mädchen Toilie genannt werden könnte nach dem Mädchen, das er mochte und niemals heiraten konnte. Jahre später sagte Toilie dann oft abschätzig: “Ich bin verrückt, weil ich meinen Namen von einem Verrückten bekommen habe” - und brach dann in kreischendes Lachen aus.

Toilie war immer noch ein Baby, als Burnett schwere Zeiten zu durchleben hatte. Im Januar 1887 fegte ein katastrophaler Blizzard über die Ebenen westlich des Mississippi hinweg und tötete tausende von Rindern. Die meisten der örtlichen Ranger hatten über Nacht ihre Lebensgrundlage verloren. Doch erging es den Farmern nicht besser, denn dem furchtbaren Winter folgten brütend heiße Sommer, in denen Heuschreckenschwärme die sowieso schon mageren Ernten vernichteten. Aber als dann schon viele verzweifelte Siedler davon sprachen, den Überlebenskampf gegen die unnachsichtigen Naturgewalten aufzugeben, verbesserte sich das Klima plötzlich und die verhaßten Heuschrecken verschwanden. Im Gegensatz zu vielen anderen Siedlungen in der Prärie von Nebraska überlebte Burnett die Krise.

1899 konnte die Lokalzeitung Burnett Citizen als Beweis steigenden Wohlstandes davon berichten, daß Lafe Waterbury unter denen war, die in diesem Jahr in der Stadt ein neues Wohnhaus gebaut hatten. Es handelte sich um ein zweistöckiges Holzhaus auf der Elm Street, auf der Vorderseite von zwei riesigen Ulmenbäumen geschützt. Auf der Rückseite, jenseits einer Reihe von Weiden, konnte man die Prärie überblicken, die sich bis in eine dunstige Unendlichkeit hinzog. Hirsche und anderes Wild wagte sich oft bis in Sichtweite des Hinterhofes, und nachts ließ das Heulen der Coyoten die Kinder in ihren Betten erzittern.

Die Familie Waterbury photographiert in ihrer Heimatstadt Helena, Montana.
Ledora May Waterbury, Rons Mutter (links), mit einem unbekannten Verwandten, ihren Schwestern Toilie und Midgie und Bruder Ray.

Die Waterburys brauchten den Platz, den ihr neues Heim ihnen bot mit Sicherheit, denn inzwischen hatten sich zu May und Ida Irene (die von der Familie Midgie = Mücke genannt wurde, weil sie so klein war), der Bruder Ray und zwei weitere Schwestern, Luise und Hope gesellt. Zwei weitere Mädchen, Margaret und June, folgten 1903 und 1905. Lafe und Ida waren in ihre Kinder vernarrt und liebten nichts mehr, als wenn das Haus voll von Kinderlärm und Gelächter war. Ida war entschlossen ihren Kindern ein glücklicheres Zuhause als ihr eigenes zu bieten – sie vergaß niemals, daß sie ständig in der Schule dafür geschlagen wurde, weil sie mit der linken Hand schrieb. Als Konsequenz waren die Waterburys für ihre Zeit ungewöhnlich tolerante Eltern, die ihren Nachwuchs zum Beispiel einerseits wohl zum Besuch der Sonntagsschule anhielten, doch sich andererseits wenig darum kümmerten, welche Kirche sie besuchten. Überraschenderweise gab es davon eine ansehnliche Auswahl. Für eine kleine Stadt mit einer Bevölkerung von weniger als tausend Personen war Burnett eine überaus gottesfürchtige Gemeinde und unterstützte vier wachsende Kirchen – Baptisten, Lutheraner, Methodisten und Katholiken.

Lafe und Ida behaupteten immer, sie wären zu beschäftigt um selbst in die Kirche zu gehen, obwohl Lafe gegenüber seinen Kindern seine Ambivalenz gegenüber der Kirche so beschrieb: “Einige der besten Männer, die ich jemals kennengelernt habe, waren Priester”, pflegte er zu sagen, “und ebenso waren einige der größten Heuchler, die ich jemals getroffen habe Priester.” Er war ein großer, schroffer Mann mit einem ununterdrückbaren Sinn für Humor, einem Talent für Schauspielerei und einem Sinn für Inszenierungen: Er kündigte oft genug seine Absicht an, alle seine Kinder auf die Bühne zu bringen. Abends, wenn er einen oder zwei Drinks hatte, saß er auf der Veranda und spielte seine Fiddel, die den Negerkopf am Ende des Schaftes eingraviert hatte. Unterrichtet von Lafe, der als einer der besten Pferdeexperten in Madison County galt, lernten alle Kinder reiten sobald sie laufen konnten. Jedem Kind wurde ein eigenes Pony vom Mietstall der Waterburys zugewiesen. Im gleichen Quartier stand auch die familieneigene Kuh Star, die sie verläßlich mit soviel täglicher Milch versorgte, wie sie trinken konnten.

1902 entschied der Bürgerrat die Stadt in Tilden umzubenennen, um weitere Verwechslungen mit einer gleichnamigen Stadt Burnett in der Nähe zu vermeiden. Man gedachte damit dem erfolglosen Präsidentschaftskandidaten Samuel J. Tilden, der in der Wahl von 1876 Rutherford B. Hayes unterlegen war. May schloß 1904 als erstes der Waterbury Kinder die Tilden High School ab. Groß, unabhängig und nicht auf den Mund gefallen war sie eine furchtlose Feministin – sie konnte sich furchtbar darüber aufregen, wenn sie in der Zeitung las, daß ein New Yorker Polizist eine Frau deswegen eingesperrt hatte, weil sie auf der Straße geraucht hatte. Andererseits war sie begeistert zu hören, daß die blinde und taube Helen Keller das Ratcliffe College im gleichen Jahr abgeschlossen hatte wie sie die Schule in Tilden. Niemand in der Familie war überrascht, als May ankündigte, daß sie Karriere machen wollte; denn – so ihre Meinung – es mußte ja wohl mehr geben, als für einen Mann zu sorgen und Kinder zu bekommen. Folglich machte sie sich mit dem Segen ihrer Eltern nach Omaha auf, um sich als Lehrerin ausbilden zu lassen. Aber als sie dann die Ausbildung abgeschlossen und sich mit einem Zertifikat vom Staat Nebraska als High School Lehrerin qualifiziert hatte, schrieb sie Briefe nach Hause, in denen sie einen jungen Seemann namens “Hub” erwähnte.

Ledora May Hubbard, Rons lange leidende Mutter, und ihr Ehemann Harry Ross Hubbard, Rons Vater, in der Uniform eines Offiziers der US Marine. Ron erinnerte sich an seine Mutter zuweilen mit Zuneigung, manchmal mit tiefer Abneigung.

Sein Vater war der Meinung, daß er bei Beförderungen übergangen wurde – zudem waren im Gläubiger auf den Fersen.

Harry Ross Hubbard war kein Abkomme einer langen Linie von Hubbards sondern ein Waise. Geboren als Henry August Wilson am 31. August 1886 in Fayette, Iowa, starb seine Mutter, als er noch ein Baby war. Er wurde daraufhin von Mr. und Mrs. James Hubbard, Farmer in Frederiksburg, Iowa, adoptiert, die seinen Namen in Harry Ross Hubbard änderten.

In der Schule war er kein Überflieger gewesen. Er besuchte dann kurz ein Business College in Norman Springs, Iowa, brach jedoch wieder ab, als ihm klar wurde, daß er nur wenig Chancen auf ein Abschußzeugnis haben würde. Am 1. September 1904, dem Tag nach seinem 18. Geburtstag, ließ er sich bei der US Marine anwerben. Während er als Deckoffizier auf der USS Pennsylvania diente, begann er romantische Geschichten über das Navy-Leben für Zeitungen zu Hause zu schreiben, die ihm ein willkommenes zusätzliches Einkommen ermöglichten. Er wurde dann 1906 zum Rekrutierungsbüro der US Marine in Omaha versetzt. Dort traf er May Waterbury, deren Pläne für eine unabhängige Karriere kurz darauf mehr oder weniger in der Versenkung verschwanden. Sie heirateten am 25. April 1909 und im Sommer 1910 war May schwanger. Ihr Mann, inzwischen aus der Marine ausgeschieden, hatte Arbeit als Anzeigenverkäufer in der Anzeigenabteilung des Omaha World Herald gefunden.

Die Waterburys hatten Tilden inzwischen verlassen und waren nach Durant im Südosten Oklahomas an der Grenze zu Texas gezogen. Lafe hatte das erste Modell T. Ford vorsichtig durch die Hauptstraße von Tilden rollen sehen und ihm wurde klar, daß sein Mietstall einer unsicheren Zukunft entgegen sah. Als ein enger Freund in Durant ihm zuredete, daß das wärmere Klima im Süden besser für die ganze Familie sein würde, sprach er die ganze Angelegenheit mit Ida durch und sie entschieden sich zu gehen. Sie legten die 800 Meilen mit der Eisenbahn zurück. Ray, damals 16, reiste mit Star und den Pferden im Viehwaggon und fütterte und tränkte die Tiere.

Nur Toilie blieb in Tilden zurück. Sie war 23 und arbeitete als Krankenschwester und Sekretärin für Dr. Stuart Campbell, der ein kleines Krankenhaus in einem BlocTekstvak:  
Das Krankenhaus in Tilden, Nebraska, in dem L. Ron Hubbard 1911 geboren wurde. Seine Tante Toilie, die hier arbeitete, ist die zweite von rechts. 
khaus auf der Oak Street eröffnet hatte, nur einen Block vom Haus der Waterburys entfernt. Toilie zögerte, ihren Job aufzugeben und ihre Eltern akzeptierten bereitwillig ihre Entscheidung, nicht mit ihnen nach Oklahoma zu gehen.

Campbell, der 1900 eine Praxis in Tilden eröffnet hatte, hatte Ida Waterburys jüngste zwei Kinder entbunden. Doch die Tatsache, daß Toilie jetzt für ihn arbeitete, überzeugte May nach Tilden zurückzukehren und dort ihr erstes Kind zur Welt zu bringen. Da May und Toilie nur ungefähr ein Jahr auseinander waren, standen sie sich schon immer sehr nahe: Ihren Schulweg gingen sie Arm in Arm, sie teilten ihr Schlafzimmer und kicherten über ihre Kindergeheimnisse.

Toilie wartete Ende Februar 1911 beim Eisenbahndepot in Tilden, als May, unterstützt von einem besorgten Hub, sich aus dem Zug hievte. Obwohl Tilden immer noch nicht größer war als die vier ungepflasterten Straßen von Norden nach Süden, die von vier Straßen in Ost-West Richtung durchschnitten wurden, bemerkte May doch eine Menge Veränderungen, die in der kurzen Zeit ihrer Abwesenheit vonstatten gegangen waren: Vier Getreidespeicher mit Hebewerken waren gebaut worden, drei Saloons und zwei Poolhallen hatten eröffnet, Mrs. Mayes wetteiferte mit den Botsford Geschwistern über die Vorrangstellung im Modehandel und es gab sogar ein neues “Opernhaus”. Es stimmte zwar, daß die erste Oper erst noch aufgeführt werden mußte, aber Road Shows waren damals sehr populär, vor allem seit Alexanders Ragtime Band die Füße der Nation in Bewegung versetzt hatte.

May brauchte nicht lange auf das freudige Ereignis zu warten. Sie bekam am Freitag, den 10. März ihre Wehen und Toilie arrangierte die sofortige Aufnahme in Dr. Campbells Krankenhaus. Um 2.01 Uhr Früh am nächsten Morgen brachte sie einen Sohn zur Welt. Sie hatte sich mit Hub schon darüber geeinigt, daß er Lafayette Ronald Hubbard heißen sollte, wenn es ein Junge werden würde.

Ida und Lafe Waterbury sahen ihr erstes Enkelkind erst an Weihnachten 1911, als Hub, May und das Baby die Feiertage bei ihnen in Durant verbrachten. Lafe, der bei einem Nachbarn gewesen war, um dessen Pferd zu behandeln, stürmte ins Haus, warf seinen Hut auf den Fußboden und lehnte sich über die Krippe um die Hand seines Enkels zu schütteln. Baby Ron lächelte gefällig und Lafe, von Stolz erfüllt, trompetete heraus: “Schau mal an, der kleine Hurensohn kennt mich schon.”

Die größte Überraschung für die Familie war, daß Ron einen aufsehenerregenden Schopf von flauschigen orangenen Haaren hatte. Hub war dunkelhaarig und die Waterburys hatten auch nicht mehr als einen Schimmer von kastanienbraun im Haar – nichts gegen den schelmischen kleinen Karottenschopf, der fröhlich wippte, als das Baby von einem Arm zum anderen wanderte. Die 7jährige Margaret, in der Familie Marnie genannt, sprach für alle, als sie feststellte, daß ihr neuer Neffe so “süß wie ein Käfer-Ohr” sei.

Während dieser Weihnachten erzählte May ihren Eltern, daß Hub einen neuen Job bei einer Zeitung in Kalispell, Montana, bekommen hatte und daß sie im neuen Jahr von Omaha dorthin ziehen würden. Sie war zuversichtlich, daß dieser Schritt sie weiterbringen würde.

Im Frühling 1912 begann May lange und enthusiastische Briefe aus Kalispell zu schicken. Vielleicht vermisste sie die Familie, jedenfalls schlug sie des öfteren vor, ob sie alle nicht zu ihnen nach Montana kommen wollten. Kalispell war eine schöne, moderne Stadt mit gepflasterten Wegen, elektrischem Licht und vielen prächtigen Häusern. Das umliegende Flathead Valley war berühmt für seine Früchte und zur Blütezeit mußte man die Obstgärten voller Apfel-, Pfirsich-, Birn-, Kirsch- und Zwetschgenbäume einfach gesehen haben. Ein Farmer aus Kalispell, Fred Whiteside, war so überzeugt von der Qualität seiner Früchte, daß er prahlte, er würde demjenigen 1000 $ geben, der in einem seiner Äpfel einen Wurm finden sollte.

May's Briefe gaben den Eltern viel Stoff zum Nachdenken, denn sie erkannten, daß der Umzug nach Oklahoma kein Erfolg gewesen war. Als sie in Durant ankamen, kaufte Lafe einen Mietstall am Rand der Stadt und für einige Monate lebte die ganze Familie auf dem Heuboden über den Tieren. Später bauten sie eine Küchenhütte auf dem Grundstück, um eine Platz zu haben, wo sie essen konnten; erst dann fingen sie mit dem Bau eines Hauses an.

Keines der Kinder machte sich etwas aus den Einschränkungen – ganz im Gegenteil genossen sie den Ganken, richtige Pioniere zu sein – aber Lafe fand die feuchten Sommer sehr kräftezehrend. Das machte Mays Beschreibung des Blühens in Montana um so verführerischer.

Ida war zutiefst beunruhigt durch einen Vorfall, der sich ereignete, kurz nachdem sie in ihr neues Haus eingezogen waren. Ein Schwarzer hatte eine weiße Frau vergewaltigt und während eine Trupp Männer nach ihm suchte, machte ein Gerücht die Runde, daß es einen Negeraufstand geben würde. Die Leute gerieten in Panik, vor allem in den abgelegeneren Gebieten. Bei Einbruch der Dunkelheit nahmen Lafe und Ray ihre Gewehre und ritten los, um ihr Grundstück vor möglichen Eindringlingen zu schützen. Indessen warteten die Mädchen hinter verbarrikadierten Fenstern, beobachteten Fackeln, die durch die Nacht zogen und hörten das Rattern der Karren, in denen die Farmer ihre Familien in den Schutz der Stadt brachten.

Obwohl es keinen Aufstand gegeben hatte, waren Ida als auch Lafe besorgt darüber, daß es ein nächstes Mal geben konnte. Die Vorstellung, daß ihre Sicherheit von ihrer Entschlossenheit, zu den Waffen zu greifen, abhing, war ihnen nicht sehr angenehm. Im Herbst 1912 verkauften die Waterburys wieder einmal ihr Haus, packten ihre Sachen, luden ihr Vieh auf Güterwaggons und machten sich auf nach Kalispell, Montana, 1500 Meilen in den Nordwesten. Lange Verzögerungen bei Zwischenstationen, während sie darauf warteten, mit ihren Frachtwaggons von nordwärts laufenden Zügen angedockt zu werden, fügten Tag um Tag zu ihrer Reise hinzu. Er dauerte schließlich eine Woche, bis sie an einen Zug der Great Northern Railway angehängt wurden, der sich über die spektakulären Pässe der Rocky Mountains mühte, die schließlich nach Kalispell führten.

Das Familientreffen war ein Freudenfest und niemandem wurde mehr Aufmerksamkeit zuteil als Ron, der inzwischen seine ersten wackeligen Schritte unternommen hatte. “Er war das Lieblingskind der ganzen Familie”, sagte Marnie. “Er wurde von allen bewundert. Ich sehe immer noch dieses Büschel roter Haare herumrennen.”

Lafe fand ein kleines Haus im Orchard Park unweit von Mays und Hubs Heim und nur einen Block vom Tiermarkt entfernt, wo er Arbeit als Tierarzt zu finden hoffte. Mit nur zwei Schlafzimmern war das Haus nicht annähernd groß genug für die Waterburys, aber es gab eine Scheune mit genug Platz für all ihre Pferde und die weitgereiste und geduldige Kuh Star. MTekstvak:  
Klein Ron mit einer Seemannsmütze. Eines Tages würde er der selbsternannte Commodore seiner privaten Marine sein.
arnie und June, die zwei jüngsten Kinder, bekamen eines der Schlafzimmer. Für die anderen vier baute Lafe ein großes Zelt mit Holzrahmen im Hof; innen war es mit Segeltuch abgeteilt. Ray schlief auf einer Bank auf der einen Seite, während Midgie, Louise und Hope sich die andere Seite teilten. Sie hatten einen Ofen, der sie im Winter warm hielt und waren damit rundum zufrieden. An Sommerabenden hörten Marnie und June oft das Flüstern und Kichern ihrer Schwestern im Zelt. Manchmal krochen sie dann nach draussen zu den anderen, und man teilte die Kirschen, die man in den Nachbarsgärten gestohlen hatte.

Die Waterburys waren glücklich in Kalispell: Ida und Lafe machten kein Geheimnis aus ihrer Freude, ihren Enkelsohn jeden Tag sehen zu können. Midgie lernte in der Stadt ihren zukünftigen Mann kennen und Ray entwickelte ein beeindruckendes Talent im Abrichten von Pferden. Unter seiner sorgfältigen Führung lernten die Familienponys solche Tricks wie Zählen, indem sie mit einem Huf auf dem Boden scharrten oder Taschentücher aus seiner Tasche heraus zu ziehen. Die “Show Pferde” der Waterburys, geritten von den Waterbury Kindern, wurden ein beliebter Programmpunkt in den städtischen Paraden, und auch bei den Rennen am Tiermarkt waren sie immer dabei.

Der kleine Ron genoß weiterhin die größte Aufmerksamkeit der Familie und wurde zum Star im Photalbum der Waterburys: Ron auf dem Apfelbaum, Ron mit Liberty Bill, ihrem englischen Bull Terrier, auf der Veranda des Hauses, Ron wie er versucht, den Hinterhof mit einem Band zu vermessen. Er hatte offensichtlich etwas vom Showtalent seines Großvaters geerbt und genoß es sichtlich im Rampenlicht seiner Familie zu stehen.

Eines Tages spazierte Lafe mit Marnie und Ron die Hauptstraße von Kalispell hinunter, als er dort auf Samuel Steward stieß, den Gouverneur von Montana, den er schon früher mehrere Male getroffen hatte. “Hey Sam”, sagte er, “ich möchte dir meinen Enkel Ron vorstellen.” Steward bückte sich, schüttelte dem Jungen feierlich die Hand und unterhielt sich dann noch ein paar Minuten mit Lafe. Nachdem er weitergegangen war, fuhr Marnie, die weder vorgestellt noch zur Kenntnis genommen worden war, ihren Vater zornentbrannt an: “Warum hast du mich nicht vorgestellt? Zähl ich vielleicht gar nicht?” Lafe entschuldigte sich anstandshalber, doch Marnie konnte an seinem breiten Grinsen sehen, daß es ihm überhaupt nicht leid tat.

Da er so unverblümt zum Liebling aller aufgestiegen war, konnte Ron immer auf die Unterstützung seiner vielen Tanten rechnen, wenn es zu einem Familienstreit kommen sollte. Als er anfing zu reden, trieb er seine Mutter regelmäßig zur Weißglut, indem er immer das selbe, meist unsinnige Wort wiederholte. Eines Nachmittags hieß sein Wortfavorit “eskobiddle”. May, am Ende ihrer Geduld angelangt, schrie ihn schließlich an: “Wenn du dieses Wort noch ein einziges Mal sagst, wasche ich dir den Mund mit Seife aus.” Ron schaute sie kaltblütig an und lächelte langsam. “Eskobiddle!” schrie er mit aller Kraft. May packte ihn sofort und führte ihre Drohung aus. Ein paar Minuten später hörte Ida gurgelnde Laute aus dem Hinterhof und entdeckte Midgie und Louise, die May hielten und deren Mund mit Seife auswuschen, um ihren geschätzten Neffen zu rächen.

Knapp ein Jahr nach der Ankunft der Waterburys in Kalispell verkündete May, daß sie und Hub weiterziehen würden. Hub hatte Probleme mit seinem Job bei der Zeitung, hatte jedoch ein Angebot als Manager des Familientheaters in der Hauptstadt Montanas, Helena, bekommen. Ida und Lafe waren natürlich wütend, doch May entgegnete, Helena wäre ja nur 200 Meilen weit weg und ebenfalls an der Great Northern Railroad Bahnstrecke gelegen; also könnte man sich doch oft besuchen.

Nichtsdestotrotz, es wäre nicht dasselbe, schlossen die beiden vernarrten Großeltern düster, wie wenn der kleine Ronald täglich im Haus ein und aus ging.

Helena war 1913 ein schmuckes Städtchen mit viktorianischen Ziegel- und Steinhäusern, eingekreist von den Rocky Mountains, die in jeder Richtung schneebedeckte Gipfel mit daraufgetüpfelten Pinien einen malerischen Hintergrund boten. Das Hauptgebäude der Stadt mit seinem Kupferdach und den verzierten dorischen Säulen kündete ebenso von der besonderen Stellung als vornehmste Stadt Montanas wie die neogotische St. Helena Kathedrale, die sich auf der Warren Street befand und ihrer Fertigstellung entgegen sah. Elektrische Straßenwaggons rasselten die gepflasterte Hauptstraße entlang, einst eine sich windende Bergenge, die man unter dem Namen Last Chance Gulch kannte - in Erinnerung an die vier Glücksritter, die 1864 hier auf Gold gestoßen waren und daraufhin die Stadt gegründet hatten.

Das Familientheater auf dem Last Chance Gulch Nummer 21 hatte eine stattlich rote Ziegelterasse, die mit Ornamentsteinen wetteiferte, doch litt es ein wenig unter seinem Standort, denn es befand sich mitten im Rotlichtbezirk der Stadt und hätte nicht unpassender benannt werden können. Angesehene Familien, die für die Abendvorstellung ankamen, mußten sich vor dem Anblick von farbenfrohen Damen schützen, die sich aus den Fenstern der Etablissements lehnten, welche sich beiderseits des Theaters befanden. Und doch war es für so manche Familienväter nicht ungewöhnlich, sich nach Beginn der Vorstellung hinauszuschleichen und vor dem Ende seltsam errötet wieder zurückzukehren.

Harry Hubbards Pflichten bestanden darin, tagsüber Eintrittskarten zu verkaufen, sie dann am Abend am Eingang zu kontrollieren, wenn die Gäste kamen, die Ordnung während der Vorstellung aufrecht zu erhalten, falls das notwendig werden sollte, und am Ende des Abends wieder abzuschließen. Obwohl er den Titel eines Resident Managers trug, zog er es vor, nicht im Theater zu wohnen, sondern mietete ein kleines, rachitisches Holzhaus auf der Henry Street, kaum besser als eine Scheune, das sich jenseits der Bahnlinie befand. May haßte es und fand bald darauf eine kleine Wohnung im ersten Stock des Hauses Rodney Street 15, die näher beim Theater war und in einem besseren Viertel lag.

Umherreisende Shows, die manchmal aus nicht mehr als einem Sänger bzw. Sängerin, einem Pianisten und einem Komiker bestanden, waren die Durchschnittskost im Theater. Ron durfte die Shows oft ansehen; so saß er dann völlig gefesselt mit seiner Mutter im verdunkelten Zuschauerraum, egal welche Vorstellung sie sich da anschauten. Jahre später würde er sich daran erinnern, wie er als zweijähriger in einer Kiste saß, den Hut seines Vaters trug und mit solchem Enthusiasmus applaudierte, daß das Publikum ihn statt der Truppe hochleben ließ. Er behauptete, die Schauspieler nahmen zwölf Vorhänge in Anspruch, bevor sie bemerkten, was los war.[4]

Als die Waterburys Helena einen Besuch abstatteten, arrangierte Hub es für sie, daß sie sich eine Vorstellung anschauen konnten. Er stellte sicher, daß sie die besten Sitze bekamen und stand feierlich am Eingang, um ihre Eintrittskarten in Empfang zu nehmen, als sie sich einreihten. Kurz nach ihrer Rückkehr nach Kalispell hörte May davon, daß ihr Vater auf einer Bananenschale ausgerutscht war. Er war gefallen und hatte sich den Arm gebrochen. Sie machte sich darüber keine allzu großen Sorgen, selbst als ihre Mutter schrieb, daß der Arm nicht ordentlich geschient worden war und noch einmal gebrochen werden mußte. Tatsächlich hatte sie naheliegendere Sorgen, denn der Besitzer des Familientheaters machte Harry klar, daß sich der Publikumszuspruch verbessern mußte, ansonsten würde das Theater geschlossen werden.

Auch die Nachrichten aus dem Ausland gaben Anlaß zur Sorge - trotz Woodrow Wilsons Versprechen, Amerika aus dem Krieg herauszuhalten, der in Europa auszubrechen drohte. Am Sonntag, den 2. August 1914, kündigten die Schlagzeilen im Helena Independent an, daß Deutschland Russland den Krieg erklärt hatte und Eilmeldungen aus Londen bestätigten: “Die Würfel sind gefallen ... Europa versinkt in einem umfassenden Krieg.” Näher an der Heimat führten rivalisierende Gewerkschaften in den Kupferminen von Butte, nur 60 Meilen von Helena entfernt, ebenfalls Krieg. Als die Versammlungshalle einer Gewerkschaft in die Luft gesprengt wurde, erklärte Gouverneur Steward das Kriegsrecht und entsandte die Nationalgarde, um die Ordnung aufrechtzuerhalten.

In diesen turbulenten Zeiten schloß schließlich auch das Theater seine Pforten, da der Publikumszustrom sich nicht erhöht hatte. Harry Hubbard war wieder einmal gezwungen, sich nach Arbeit umzuschauen, aber wieder hatte er Glück, denn er wurde als Buchhalter in der Ives-Smith Kohle-Gesellschaft aufgenommen, Händler mit “Original Bear Creek, Acme und Belt Kohlen”, in der 41 West Sixth Avenue. Inzwischen hatte May eine billigere Wohnung für die Familie im ersten Stock eines Schindelholzhauses auf der 1109 Fifth Avenue gefunden.

Lafe Waterbury hatte immer noch Probleme mit seinem Arm. Er war nicht der Mann, der sich über ein Mißglück beschwerte, doch hätte niemand ihm Vorwürfe gemacht, wenn er es getan hätte. Sein Arm mußte ein drittes Mal eingerichtet werden, und eben als er zu heilen schien, wurde er von einem Pferd umgeworfen, das er gerade untersuchte. Er erlangte nie mehr seine ursprüngliche Kraft in diesem Arm. Ihm wurde klar, daß er seine Arbeit als Tierarzt mit all dem Schieben und Ziehen nicht mehr ausüben konnte, obwohl er erst 50 Jahre alt war. Es waren nur mehr die vier jüngsten Waterbury Mädchen im Haus, doch Lafe dachte, er könnte es sich noch nicht leisten, sich zur Ruhe zu setzen, selbst wenn das seine Absicht gewesen wäre. (Sein besteuerbares Vermögen wurde im Verzeichnis der Stadt zu der Zeit mit 1550 $ angegeben; eine Summe, mit der man durchkam, die ihn jedoch keineswegs als begütert klassifizierte.) Da Kalispell unmittelbar keine neuen Möglichkeiten bot, überlegten Lafe und Ida einen weiteren Umzug. Es schien auf der Hand zu liegen, daß sie jetzt darüber nachdachten, nach Helena zu gehen, da sie damals ja auch May nach Kalispell gefolgt waren.

Im Sommer 1915 schließlich fuhr Toilie, die vom Osten auf Besuch gekommen war, ihren Vater im Familienautomobil Model T. Ford nach Helena. Sie blieben natürlich bei May und Hub in deren vollgestopfter Wohnung auf der Fifth Avenue. Lafe war entzückt darüber, daß er jetzt alle seine Spaziergänge in die Stadt mit seinem vierjährigen Enkelsohn unternehmen konnte.

Hub sprach vermutlich mit seinem Schwiegervater über seinen Job und die beiden Männer diskutierten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die stetig steigende Nachfrage nach Kohle und die Geschäftsmöglichkeiten in Helena. Als Buchhalter kannte Hub die Zahlen, wußte um den Profit, den Ives-Smith machten und er kannte die Stärke des Marktes. Unzweifelhaft beeinflußte dies Lafes Entscheidung, seine Familie nach Helena nachkommen zu lassen und selbst ins Kohlegeschäft einzusteigen.

Die Waterbury Mädchen hatten bitterlich geweint, als sie Kalispell verließen, vor allem auch deswegen, weil ihr Vater darauf bestanden hatte, daß Bird, ihr indianisches Pony, auf dem sie alle zu reiten gelernt hatten, zu alt war um die Reise mitmachen zu können und zurückgelassen werden mußte. Aber ihre Stimmung hellte sich bald auf, als sie in ihrem neuen Haus aufgeregt von Zimmer zu Zimmer liefen und sich als moderne junge Ladys von Bedeutung sehen konnten.

Die Waterburys kamen 1916 an und kauften ein Haus auf der 736 Fifth Avenue, an der Ecke zur Raleigh Street und nur zwei Häuserblocks von May und Hubs Apartment entfernt. Lafe schätzte sich sehr glücklich, dieses Anwesen bekommen zu haben, denn es war ein handfestes, zweistöckiges Haus, gebaut etwa um die Jahrhundertwende, mit hellen und luftigen Räumen, schönen gefärbten Glasfenstern, einer weitläufigen Veranda, einem Erker und einem ungewöhnlichen konischen Dach. In der Familie genoß es unter dem Namen “der alte Ziegel” bald höchstes Ansehen.

Die Fifth Avenue war noch nicht gepflastert, doch gab es eine Allee junger Bäume, die schon sehr respektabel aussah und, noch wichtiger, sie zog sich bis zum Capital Building hin, einem monumentalen Bauwerk von solcher Erhabenheit, daß die Mädchen alle durch seine Nähe vor Ehrfurcht ergriffen waren. Nach Westen schien sich die Fifth Avenue direkt auf die grünenbewaldeten Flanken des Mount Helena zu stürzen und nur zwei Blocks südlich des “alten Ziegel” endete die Raleigh Street in grasbewachsenen Hügeln, die zu den Bergen hinaufführten und unbegrenzte Spielmöglichkeiten versprachen. Marnie, damals 13 Jahre alt, konnte sich kaum einen besseren Platz zum Leben vorstellen.

Lafe mietete eine Hof mit Stall, der dort an die Bahntrasse der Northern Pacific angrenzte, wo sie die Montana Avenue kreuzte und stellte ein Schild auf, das ankündigte, daß die “Capital City Kohlen Gesellschaft” ihr Geschäft eröffnet hatte. Es war eigentlich ein Familienbetrieb, so wie er im städtischen Verzeichnis von 1917 aufgeführt war: Lafayette O. Waterbury war Präsident, Ray war Vize-Präsident und Toilie (die vom Osten mit Vaters Aussage “Es ist Zeit heimzukommen – ich brauche dich” zurückgerufen wurde) war Schatzmeisterin. Harry Ross Hubbard war ebenfalls in das aufstrebende Unternehmen eingetreten, doch der einzige freie Posten war der eines Mitarbeiters mit eingeschränkten Möglichkeiten.

Am 2. Januar 1917 wurde Ron in der Central School auf der Warren Street für den Kindergarten angemeldet; dieser befand sich direkt gegenüber der neuen Kathedrale, die mit ihren Zwillingstürmen und der grauen Steinfassade vorwurfsvoll über der Stadt thronte. Meistens wurde er von seinen Tanten Marnie und June hingebracht, die gegenüber auf der Helena High School zur Schule gingen.

Ron, der unter den Nachbarkindern wegen seiner Haarfarbe den Spitznamen “Ziegel” hatte, würde später behaupten, daß er noch während seiner Kindergartenzeit im ”Ärmelwesten”-Stil kämpfte, den er von seinem Großvater gelernt hatte, um eine Bande von Radaubrüdern in Schach zu halten, die die Kinder auf ihrem Weg zum und vom Kindergarten terrorisierten. Doch einer seiner engsten Kindheitsfreunde, Andrew Richardson, kann sich nicht daran erinnern, daß Ron die Kinder vor Rabauken beschützte. “Er hat niemals irgend jemanden beschützt”, sagt Richardson. “Das ist alles Blödsinn. Der alte Hubbard war der größte Aufschneider, den die Welt je gesehen hat”.[5]

Obwohl der Krieg in Europa mit seinem unglaublichen Blutzoll Spalten um Spalten im Independent füllte, hatten doch die lokalen Neuigkeiten ebenso ihren Platz wie die Depeschen der Auslandskorrespontenten. Die Schlagzeilen der Zeit kreisten oftmals um das Wahlrecht, und nachdem das Frauenwahlrecht mit knapper Mehrheit in der gesetzgebenden Versammlung von Montana angenommen wurde, feierten die siegreichen Frauen damit, daß sie eine ihrer Führerinnen, Jeanette Rankin, in den US Kongress wählten. Weibliche Wahlberechtigte halfen auch dabei, ein Gesetz durchzubringen, das den Verkauf von Alkohol verbot – die Prohibitionslobby gewann im ganzen Land an Boden.

Sogar die Meldung vom Februar 1917, in der Deutschland seine Absicht erklärte, einen uneingeschränkten U-Boot Krieg zu führen, hatte keine größere Auswirkungen in der Heimat, bis dann im folgenden Monat deutsche U-Boote drei US Handelschiffe im Atlantik angegriffen und versenkt hatten. Am 6. April erklärte die USA Deutschland den Krieg; die Kongressabgeordnete Rankin war eine von nur einer Handvoll Gegenstimmen gegen die Kriegsresolution. In Helenas Fort Harrison, dem Hauptquartier des 2. Regiments, begann sofort die Mobilmachung; doch der patriotische Eifer, der wie eine Welle über den Staat schwappte, hatte auch seine dunkle Seite, denn er führte zur Hexenjagd gegen vermeintliche “Verräter” und “Subversive”. Im August zerrten selbsternannte Wächter in Butte den Arbeiterführer Frank Little aus seinem Haus und erhängten in an einem Eisenbahngestell am Rand des Stadt. Sein “Verbrechen” war, daß er der Führer der “Industriearbeiter der Welt” war, einer radikalen Gruppe, die als zersetzerisch galt.

Obwohl durch eine selektive militärische Dienstpflicht Anfang August schon mehr als 7000 Männer in Montana gemustert worden waren, wollte Harry Hubbard als ehemaliger Marine-Angehöriger nicht darauf warten einberufen zu werden. Er hatte vier Jahre in der US Marine gedient und sein Land brauchte ausgebildete Seemänner. Ja, er hatte Familienpflichten, aber er war auch Amerikaner. Er kannte seine Verpflichtungen und May wußte, daß sie ihn weder stoppen konnte noch wollte. Am 10. Oktober gab Hub ihr den Abschiedskuß, umarmte seinen 6jährigen Sohn und verließ Helena Richtung Marine-Rekrutierungsstützpunkt Salt Lake City, Utah, um sich um eine Wiedereinstellung für vier Jahre bei der US Marine zu bewerben. Zwei Wochen später mischten sich der kleine Ron mit seiner Mutter unter die Menge am Last Chance Gulch, um Montanas 163. Infantrie aus der Stadt marschieren zu sehen, die sich Richtung Europa aufmachte. Ron dachte, daß sie einfach toll aussahen.

Nachdem Hub weg war, zogen May und Ron in den “alten Ziegel” zum Rest der Familie und May fand einen Job als Angestellte im staatlichen Büro für Kinder und Tierschutz im Capital Building. Falls der kleine Ron seinen Vater vermißt haben sollte, so wurde dieses Gefühl mit Sicherheit durch die Warmherzigkeit und Offenheit der Waterbury Familie gemildert. Er hatte Großeltern, die dachten, daß er nichts falsch machen konnte, eine liebevolle Mutter und ein ganzes Sortiment an Tanten, die nichts lieber taten als mit ihm zu spielen.

Es war unvermeidlich, daß er mit all dieser Aufmerksamkeit auch verzogen wurde, doch war er auch ein begabtes Kind, außergewöhnlich imaginativ und aberteuerlustig; ein Kind, das seine Zeit immer mit originellen Ideen und Spielen ausfüllen konnte. “Er war sehr schnell, er kam immer mit Ideen daher, die vorher noch keiner gehabt hatte”, sagte Marnie. “Er nahm sich z. B. zwei Bierflaschen und benutzte sie als Fernglas oder er schrieb kleine Schauspiele und malte die Dekoration und alles. Was auch immer er anfing, das beendete er auch: Wenn er sich dazu entschloß, etwas zu tun, konnte man sicher sein, daß er es auch durchzog.”

Hub schrieb regelmäßig nach Hause; er machte deutlich, daß er froh war, wieder im Dienst zu sein; der Krieg machte ihm nichts aus. Er war für eine Ausbildung als Assistenz-Zahlmeister ausgewählt worden, und wenn er die Prüfung schaffte, so erklärte er May stolz in einem Brief, dann würde er Offizier werden. Am 13. Oktober 1918 wurde Harry Ross Hubbard ehrenvoll aus seinem ursprünglichen Dienstverhältnis bei den Reservestreitkräften der US Marine entlassen und am nächsten Tag zum Assistenz-Zahlmeister im Rang eines Lieutenants ernannt. Er war 32 Jahre alt, schon etwas alt für einen Lieutenant, doch für ihn war es einer der stolzesten Momente seines Lebens.

Elf Tage später war die Titelseite des Helena Independent von nur einem einzigen Wort dominiert, die Buchstaben jeweils 10 cm hoch: FRIEDE. Darunter erklärte ein Untertitel: “Der feige Kaiser und sein Sohn fliehen nach Holland.” Die Kapitulationsbedingungen würden so hart sein, berichtete die Zeitung unschuldig, daß Deutschland “ niemals wieder militärische Stärke zu Land, zu Wasser und in der Luft haben würde”.

May wußte im Gegensatz zu den anderen Frauen, deren Männer in den Krieg gezogen waren, daß ein Waffenstillstand nicht bedeutete, daß Hub nach Hause kommen würde. Er hatte ihr schon erklärt, daß er beabsichtigte, in der Marine Karriere zu machen. Sie konnte dieser Entscheidung vernünftigerweise nicht im Wege stehen, denn sie mußte sich eingestehen, daß er unfähig war, in seinen diversen Zivilberufen weiterzukommen; zudem war er in der Marine offensichtlich glücklicher. Außerdem war seine Position in der Capital City Kohlen Gesellschaft mehr als unsicher; ihr Vater machte sich Sorgen über die Geschäfte: Man hatte Schwierigkeiten, genügend Nachschub an Kohle in der Umgebung zu finden – zudem hatte eine dritte Kohlengesellschaft aufgemacht, die den Wettbewerk noch verschärfte. Die Waterbury Mädchen halfen bei Liquiditätsproblemen der Gesellschaft mit, indem sie die Kunden in der Gegend um die Fifth Avenue abklapperten und ausstehende Rechnungen einkassierten.

Lafe Waterbury ließ niemals zu, daß seine geschäftlichen Sorgen auch nur einen Schatten auf sein Familienleben warfen, und so verstrichen für die Kinder Wochen und Monate, in denen man sich über kaum etwas anderes aufregen mußte als die Frage, ob der Karamel etwas werden würde. Karamel-Ziehen war im Waterbury Haushalt ein regelmäßiges Ritual: Es gab auf der Rückseite der Kellertür ständig einen Kleiderhaken, an dem in einem Tuch die Mixtur aus Zucker und Wasser hing und durch das Öffnen der Tür immer wieder gedehnt und durchgemischt wurde, sodaß der Karamel mit Luftblasen gefüllt wurde und es dann entsprechend gut knackste, wenn es fertig war. Liberty Bill (ihr Hund) saß dann immer da und beobachtete die Prozedur, während ihm der Speichel von den Leftzen troff. Einmal schnappte er sich ein Maul voll, als der Karamel zu nahe zum Boden schwang und verschwand für Stunden unter einem Busch im Garten, während er versuchte, sich das Zeug wieder aus den Zähnen zu saugen.

Eines Tages waren Marnie und June mit Ron im Keller Karamel ziehen, als sie ihren Vater im vorderen Zimmer laut auflachen hörten. Sie rannten nach oben, um zu schauen was los war und fanden ihn am Fenster; vor lauter Lachen hielt er sich die Seiten und Tränen rannen über seine Wangen. Draussen versuchte eine junge Dame in einem engen Rock, der nach der neuesten Mode in Helena geschneidert war, vom hölzernen Gehsteig herunterzutreten um die Straße zu überqueren. Sie fand höchst peinlich berührt gerade heraus, daß es zwar möglich war, auf einer Ebene entlang zu trippeln, doch es war ihr praktisch unmöglich, eine Stufe von mehr als ein paar Zentimetern zu bewältigen, ohne ihren Rock auf eine Höhe heraufzustreifen, die weit über der Grenze des guten Geschmacks lag – oder eben mit beiden Beinen gleichzeit zu springen. Schließlich schlurfte sie zum Ende des Gehsteigs und schaffte es, zuerst einen Fuß herunterrutschen zu lassen und dann – mit einem unsicheren Schwung – den anderen. Zu dem Zeitpunkt hatte Lafe sich schon setzen müssen, weil er vor later Lachen erschöpft war, und die ganze Familie hatte sich ums Fenster versammelt.

Gelächter war ein omnipräsentes Merkmal des Lebens im “alten Ziegel”. Als Toilie einmal eine Flasche Wein mit nach Hause brachte und ihrer Mutter ein Glas davon gab, schwoll deren Zunge vom ungewohnten Alkoholgenuß an; je stärker sie nun mit immer mehr Silben zu kämpfen hatte, desto mehr erheiterte sie damit ihre Tochter. Und dann passierte es einmal, daß Lafe sich in seinem Schaukelstuhl zurücklehnte, das Übergewicht bekam, unter ein Regal mit aufgestapelten Zeitungen fiel und sich dann beim Aufstehen daran auch noch den Kopf anschlug. Das waren Ereignisse, die niemand im Haus vergaß. Andererseits, einer der schlimmsten Zwischenfälle, an den sich die Kinder erinnerten, war der Tag, als Idas Kanarienvogel durchs offene Fenster in den Schnee hinausflog und nie wieder zurückkehrte. Ida hatte diesen Kanarienvogel geliebt: Sie konnte z. B. im Bett liegen und pfeifen und der Kanarienvogel kam dann, setzte sich auf die Bettdecke und pickte auf ihren Zähnen herum.

Im Sommer verbrachten die Kinder jede freie Stunde nach der Schule draussen. May, die inzwischen ihren Job gewechselt hatte und jetzt im Amt für Landwirtschaft und Öffentlichkeit arbeitete, kaufte in den Vorbergen ein kleines Grundstück – ungefähr zwei Stunden Fußmarsch vom Heim der Familie entfernt – und ließ sich dann von einem lokalen Zimmerer einen Schuppen aus rohem Pinienholz aufstellen. Es gab dort nur zwei Räume und eine lange, überdachte Veranda. Sie nannten es “das alte Gehöft” und nutzten es an Feiertagen und an den Wochenenden; man nahm genug Proviant für die Dauer des Aufenthaltes mit und holte sich Wasser von einem Brunnen auf einem nahegelegenen Grundstück. Meistens fuhr Lafe sie mit den Model T. zur Butte Road, von wo aus sie einen kürzeren Weg hatten und von dort gingen sie dann über die Felder. Die Kinder liebten das “alte Gehöft” einfach deswegen, weil es in den Bergen war und man dort endlose Spiele unter einem tadellos blauen Himmel spielen konnte; man konnte in den kristallklaren Flüssen auch nach Gold schürfen, riesige Blumensträuße pflücken, auf einem offenen Feuer kochen und sich in der Nacht um eine Öllampe drängen, um sich Gespenstergeschichten zu erzählen.

Wenn kein Ausflug zum “alten Gehöft” geplant war, quälte Ron seine Tanten mit dem Wunsch, daß sie mit ihm zum Mount Helena hinaufgingen; dort machten sie dann gewöhnlich ein Picnic, aßen ihre mitgebrachten Sandwiches, genossen den Anblick der umliegenden Berge und schauten ruhig auf das Treiben der Stadt hinunter. Einer der Fußwege zum Gipfel führte an einer verrauchten Höhle vorbei, die Mitte des 19. Jahrhunderts von Trappern heimgesucht wurde, wenn sie von Indianern verfolgt wurden. Marnie nahm dann Ron, der vor Angst bibberte, mit in die Höhle hinein, um nach Gespenstern Ausschau zu halten.

Marnie und Ron mit ihrem Altersunterschied von nur acht Jahren standen sich so nahe wie Bruder und Schwester. Als sie in einer Theateraufführung an ihrer Schule Helena High die Rolle von Marie Antoinette übernahm, saß er während des ganzen Stücks mit weit aufgerissenen Augen da und rannte dann den ganzen Weg nach Hause, um seiner Großmutter zu erzählen, wie toll Marnie gewesen war.

Während den Kindern in ihrer fröhlichen Unbekümmertheit nicht bewußt war, was sich außerhalb der gesicherten Umgebung des “alten Ziegel” und des “alten Gehöftes” abspielte, war es nur wenigen Erwachsenen vergönnt, ein derart unbeschwertes Leben zu führen. Nach Jahren mit reichen Ernten und hohen Weizenpreisen brachte die Nachkiegsdepression einen Zusammenbruch des Marktes mit sich – der Preis für ein Scheffel fiel im Verlauf von nur drei Monaten auf die Hälfte – und im Sommer 1919 gab es die erste einer ganzen Reihe von Dürreperioden. Jeder Tag brachte weitere unheilvolle Nachrichten von Hypotheken, die zwangsvollstreckt wurden. Banken schlossen ihre Pforten und aufgegebene Farmen wurden von Sand und Staub zugeweht. Tausende von Siedlern verließen den Staat, um anderswo ihr Glück zu versuchen.

In dieser düsteren wirtschaftlichen Situation war Lafe Waterbury gezwungen, die Capital City Kohlen Gesellschaft wieder zu schließen. Eine Zeitlang versuchte er sein Glück mit einem kleinen Geschäft, wo er Autoersatzteile und Reifen verkaufte, doch in Zeiten der Depression ließen die Motoristen ihre Autos eher stehen, als daß sie sie reparierten. Lafe entschied sich schließlich, sich vom Arbeitsleben zurückzuziehen; glücklicherweise hatte er immer noch genügend Kapital, um seine Familie zu erhalten.

May half mit den Haushaltsausgaben, doch es war ihr klar, daß sie nicht ewig bleiben konnte. Hub war im November 1919 zum Lieutenand befördert worden. Wann immer er konnte, kam er nach Hause, um seine Frau und seinen Sohn zu besuchen. Er wollte immer noch Karriere in der Marine machen, hatte jedoch einige Rückschläge in Kauf nehmen müssen. Er hatte im Mai 1920 vor einer Untersuchungskommission erscheinen müssen, um ein Defizit von 942,25 $ auf seinen Konten zu erklären, während er auf der USS Aroostock als Reserveoffizier diente. Zudem hatte er eine unglückliche Tendenz dazu, über persönliche Schulden hinwegzusehen. Nicht weniger als 14 Gläubiger in Kalispell behaupteten, daß er unbezahlte Rechnungen von insgesamt 125 $ hinterlassen hatte. Fred Fisch, ein hochrangiger Schneider aus Vallejo, Kalifornien, belangte ihn gerichtlich, weil er ihm immer noch 10 $ für einen Uniform-Übermantel schuldete. Und einem Dr. McPherson aus San Diego schuldete er 30 $. Sie alle reichten Klage bei der Marine ein und warfen somit einen Schatten auf seine Personalakte.[6] Zu Beginn des Jahres 1921 hatte er einen langen Zeitraum inaktiven Dienstes, während er auf einen neuen Posten wartete; May und er verbrachten damals viel Zeit damit, ihre Zukunft zu diskutieren. Hub erwartete von May, daß sie sich wie andere Frauen von Marineangehörigen anpasste und mit ihm im ganzen Land von Posten zu Posten zog. Wenn er zur See war, sollte sie in der Nähe seines Heimathafens sein. May wollte offensichtlich bei Hub sein, doch zögerte sie, Ron von Schule zu Schule zu schleppen und war zudem abgeneigt, ihre Familie zu verlassen. Sie hatte vermutlich gehofft, Hub würde seinen Abschied von der Marine nehmen und in Helena zu einem zivilen Leben zurückkehren, doch wischte die Depression selbst die geringsten Hoffnungen vom Tisch, daß er auch nur irgendeinen Job finden würde; ihr wurde klar, daß das niemals mehr passieren würde. Im September 1921 wurde Hub als Reserveoffizier auf das Schlachtschiff USS Oklahoma entsandt. Er hatte vor, dort mindestens 2 Jahre zu dienen, die meiste Zeit davon zur See. Damit waren die Möglichkeiten eng beschnitten, die Familie zuhause zu besuchen. Als loyale Ehefrau konnte May nun aber ihren Aufenthalt in Helena doch nicht mehr länger rechtfertigen. Sie und Ron packten ihre Koffer, verabschiedeten sich tränenreich von der Familie und bestiegen den Zug Richtung San Diego, dem Heimathafen der USS Oklahoma.

Obwohl Ron die gesellige Häuslichkeit des “alten Ziegel” vermisst haben muß, schien er zumindest nichts dagegen zu haben, ein “Marine-Bengel” zu sein; ein kurios liebevoller Titel, den alle Kinder von Männern im Dienst trugen. Viele dieser Kinder brauchten mehr als die Finger beider Hände um ihre Schulen zu zählen. Er war ein geselliger Junge, der schnell Freunde fand; auch hatte er keine Angst davor, in eine neue Schule zu kommen. Nach ungefähr einem Jahr in San Diego zogen die Hubbards in den Norden nach Seattle im Staat Washington, als die Oklahoma zur Puget Sund Marine Schiffswerft verlegt wurde.

(Scientology's Zusammenfassung der Jahre 1923-27.)

 

In Seattle trat Ron den Pfadfindern bei – ein Ereignis, das eine prominente Rolle in einem handgeschriebenen Tagebuch einnahm, das er auf den Seiten eines alten Kontobuches kritzelte. Unterbrochen von Kurzgeschichten schrieb er darüber ein paar Jahre später: “Das Jahr 1923 hub an und fand mich, der sich aufgrund einer erstklassigen Auszeichnung zufrieden auf seinen Lorbeeren ausruhte. Denn ich war Pfadfinder geworden! Es müßte jemand wirklich taub gewesen sein, als daß er von mir nicht alles darüber erfahren hätte. Ich erachtete Seattle als die beste Stadt auf der Landkarte, soweit es die Pfadfinderei anlangte.”

Im Oktober 1923 hatte Lieutenand Hubbard seinen Dienst auf der USS Oklahoma beendet und wurde nach kurzen Intervallen zeitlich beschränkter Tätigkeiten in San Francisco und New York dem Büro für Versorgung und Abrechnung in Washington DC zur weiteren Ausbildung zugewiesen. Die US Marine, die offensichtlich jeglichen Landtransport verschmähte, sparte sich die Kosten für zwei Fernreisetickets und gab May und Ron Kojen auf der USS U.S. Grant, einem deutschen Kriegsschiff, das die US Marine nach dem ersten Weltkrieg aquiriert hatte. Das Schiff sollte von Seattle über den Panama-Kanal nach Hampton Roads, Virginia, fahren. Es wurde also Dezember, der Boden war von dickem Schnee bedeckt, bis die Hubbards nach einer Reise von an die 7000 Meilen (und somit drei viertel der US-amerikanischen Küste) wieder vereint waren. Es war anscheinend auf dieser Reise, daß Ron den rätselhaften Commander 'Snake' Thompson aus der medizinischen Abteilung der US Marine traf, einem Psychoanalytiker, von dem er später behauptete, daß er sein jugendliches Interesse an Freud weckte (obwohl er die gesamte Reise in seinem Tagebuch nur ganz kurz erwähnte). Sein Schreibstil damals war flüssig, luftig, schülerhaft, doch sich seiner Sache todsicher und direkt an den Leser gewandt. “Wenn ich dazu gedrängt würde”, so schrieb er, ”könnte ich wohl ein paar tausend Worte über diese Reise verlieren, doch das erspare ich Euch.”

Er pflegte über sich selbst in einem freundlich ironischen Ton zu sprechen, vielleicht um den Eindruck zu vermeiden, daß er zu hochfliegend über sich selbst dachte. Als er in Washington eintraf, kämpften zwei Gruppen lokaler Pfadfinder um eine Auszeichnung, den Washington Post Cup. Der Trupp 100, so notierte Hubbard, gehörte zum YMCA “und würde deswegen wahrscheinlich verlieren”, also schloß er sich dem anderen an, Trupp 10, “die laut aufgeseufzt haben müssen, als sie mich über die Schwelle treten sahen”.

Das Tagebuch ließ zuweilen auch Humor aufblitzen, der allerdings knockentrocken serviert wurde: “Stellt euch mich in einem schmucken Pfadfinder Outfit vor, wie mein rotes Haar unter meiner Mütze hervorlugt und ich meine tägliche gute Tat vollbringe. Einmal habe ich sogar einem Mann das Leben gerettet. Ich hätte ihn unter ein Auto stoßen können und hab's nicht getan.”

Darauf bedacht, den Trupp 10 zum Sieg zu führen, begann Ron mit außerordentlicher Geschwindigkeit und Hingabe, Auszeichnungen zu sammeln. In seinen ersten zwei Wochen bekam er Auszeichnungen für Feuerwache und persönliche Gesundheit, denen bald andere für Photographie, Lebensrettung, Körperertüchtigung und Vogelbeobachtung folgten. Entschlossen bahnte er sich seinen Weg in die Führungsposition der Washingtoner Scouts (es war absolut nicht seine Art, ein lascher Mitläufer im Rudel zu sein) und so wurde er dazu ausgewählt, die Scouts bei einer Delegation im Weißen Haus bei Präsident Calvin Coolidge zu vertreten, der um den Ehrenvorsitz bei der nationalen Burschenwoche gebeten wurde. Er notierte die Einladung in seinem Tagebuch mit charakteristischer Unverschämtheit: “Eines schönen Tages rief der Pfadfinderverantwortliche bei uns zuhause an und und sagte mir, ich sollte noch am selben Nachmittag den Präsidenten treffen. Ich sagte ihm, daß ich es prima vom Präsidenten finden würde, wenn er zu mir kommen könnte ...”

Gebürstet und geschrubbt (“sogar meine Handrücken wurden gründlich gereinigt”) wartete er mit 40 anderen Jungs vor dem Oval Office, bis ein Sekretär heraustrat und sie informierte, daß der Präsident nun bereit wäre sie zu empfangen. “Ängstlich und zitternd traten wir ein und wiederholten unser Namen, während wir Cal's makellose Hand drückten. ... Ich glaube, mir gebührt die Auszeichnung, der einzige Pfadfinder in Amerika zu sein, der den Präsidenten zusammenzucken ließ.” Der große Mann sprach in solch kummervollen Tönen, daß Ron die Situation so beschrieb, als wenn man zu seiner eigenen Hinrichtung eingeladen worden wäre.

Im Pfadfindertagebuch, das er zu dieser Zeit unregelmäßig führte, war Ron wesentlich weniger pointiert als im regulären Tagebuch, das mit der eindeutigen Absicht zurn Unterhaltung geschrieben wurde. Der am meisten erscheinende Eintrag in seinem Tagebuch war ein lakonisches “war gelangweilt”. Und doch würde er in späteren Jahren behaupten, daß die vier Monate, die er in Washington verbrachte, eine entscheidende Zeit in seinem Leben waren, in denen er “eine umfassende Bildung auf dem Gebiet des menschliches Geistes” unter der Führung seines Freundes Commander Thompson erhielt.[7] Auch notierte er in seinem Tagebuch, daß er ein enger Freund des Sohnes von Präsident Coolidge wurde, Calvin Junior, dessen früher Tod sein “frühreifes Interesse an Geist und Denken des Menschen” noch verstärkte.[8]

„Snake“ Thompson war offensichtlich ein Freund vonTekstvak: Obwohl Miller andeutet, daß gar kein „Snake“ Thompson existierte, gab es ihn doch. William Sims Bainbridge, ausgezeichneter Soziologe und Autor diverser Schriften über Scientology, berichtet folgendes über den Mann: „.... Snake Thompson war der beste Freund meines Großonkels Con (Consuleo Seoane). Sie verbrachten um 1911 fast zwei Jahre als amerikanische Spione in Japan, um mögliche Invasionsrouten auszukundschaften und alle japanischen Befestigungen und Seekanonen aufzulisten. Das war eine offizielle, aber streng geheime Armee-Marine Spionagemission, bei der Con die Armee und Snake die Marine repräsentierte. Sie gaben vor, südafrikanische Naturforscher zu sein, die japanische Amphibien und Reptilien studierten; Con war ständig besorgt darüber, weil Snake eine Kamera in seinem Fangkorb hatte, die sie enttarnen würde, falls die Japaner sie genau kontrollierten. Thompson trug gewöhnlich eine grüne Krawatte, die von einer goldenen Krawattennadel in der Form einer Schlange gehalten wurde. (privates E-Mail, zitiert von Rob Clark, im Beitrag <336000c9.122495268@news.mindspring.com> geposted an alt.religion.scientology am 25. April 1997) -- Dean Benjamin Rons Vater und ein persönlicher Schüler von Sigmund Freud, bei dem er in Wien studiert hatte. Sein unvorteilhafter Spitzname leitete sich von seiner Vorliebe für geschuppte Kreaturen ab, doch kümmerte er sich in seiner Eigenschaft als Schüler des Gründers der Psychoanalyse darum, dem inzwischen 12jährigen eine Grundlage in Freud'scher Theorie zu geben und ihm die Bücher aus der Kongressbibliothek nahezubringen.

[Ron würde sich später in seinem Leben noch oft auf Thompson beziehen, doch der Commander bleibt ein Rätsel. Er kann weder über die Personalakten der US Marine identifiziert, noch kann seine Verbindung mit Freud verifiziert werden. Doktor Kurt Eissler, einer der weltweit führenden Autoritäten über Freud, sagt, daß ihm keine Korrespondenz bzw. Kontakt irgendwelcher Art zwischen Freud und Thompson bekannt ist.][9]

Vermutlich waren die Stunden, die Ron und Thompson zusammen in der Kongressbibliothek verbrachten, irgendwie gekoppelt mit der Zeit, die er als Pfadfinder verbrachte. Denn am 24. März 1924, ein paar Tage nach seinem 13. Geburtstag, wurde Ron zu einem Adler Scout.

“21 Auszeichnungen in 90 Tagen”, berichtete er thriumphierend in seinem Tagebuch. “Ich war ein toller Hecht damals. Man schrieb über mich in den Zeitungen und so weiter. Schaut mich an. Ihr hättet nicht geahnt, daß das Wrack vor euch einst der jüngste Adler Scout im ganzen Land war, oder?”

Das konnte Ron nicht wissen. Zu der Zeit führten die Pfadfinder Amerikas nur eine alphabetische Liste ihrer Adler Scouts – ohne Altersangabe.[10]



[1] Oregon Journal, 22 Apr 1943

[2] Mission Into Time, L. Ron Hubbard, 1973

[3] Brief an den Autor – 25. Mai 1986

[4] Aus einer 1938er Biographie Hubbards von Arthur J. Burks, Präsident der amerikanischen Dichtervereinigung

[5] Interview mit Andrew Richardson, St. Helena, Montana

[6] Harry Ross Hubbard - Personalakte

[7] Fakten über L. Ron Hubbard – Dinge, die Du wissen solltest; Flag Direktive, 8. März 1974

[8] Mission into Time, L. Ron Hubbard, 1973

[9] Brief an den Autor, 25. März 1986; ebenso Memorandum der US Regierung vom 16. Nov. 1966

[10] Brief an den Autor. 1. Februar 1986