Verstärkte Aktivität von Sekten in Osteuropa
Berliner Zeitung 4.10.96 Von F. Nordhausen/L. v. Billerbeck Sekten verstärken ihre Aktivitäten in Osteuropa Expertentagung diskutiert Möglichkeiten der Abwehr Zum zweiten Mal nach 1995 tauschten kirchliche und staatliche Sektenexperten aus West- und Osteuropa, darunter Vertreter aus Polen, Kroatien, Ungarn und Rußland, auf einem Seminar des christlich-ökumenischen Dialog-Centers Berlin Informationen aus. Nach dem Ende des Kommunismus seien zahlreiche, meist westlich-amerikanische Kultgruppen aktiv geworden, hieß es, die die neu gewonnene Religionsfreiheit für ihre Zwecke ausnutzten. Es gehe ihnen darum, Macht über Menschen und Einfluß auf die Gesellschaft zu erlangen. Die osteuropäischen Länder seien von der Sekten-Invasion völlig überrascht worden. Rita Petrekanits, Mitarbeiterin des ungarischen Parlaments, sagte: "In Ungarn reichen 100 Mitarbeiter, ein Dogma und eine Organisation, um als Religion staatlich gefördert zu werden."Inzwischen reicht der Einfluß einiger Kultgruppen offenbar bis in das politische Establishment. Kürzlich sei etwa Raissa Gorbatschowa zur Vizepräsidentin einer Tarnorganisation der Mun-Sekte ernannt worden, berichtete Alexander Dworkin, Sektenexperte der russisch-orthodoxen Kirche in Moskau. Er teilte mit, daß Scientology verstärkt Verwaltungen, etwa in der Uralmetropole Perm, infiltriere. Zunehmend würden Scientologen auch Sendungen ins russische Fernsehen lancieren. Immerhin: Nicht nur in Rußland, sondern auch anderswo formiere sich inzwischen Gegenwehr, sagten Tagungsteilnehmer: Vielerorts entstünden Beratungsstellen, es gebe erste kritische Presseartikel, und seit neuestem hätten - etwa in der Ukraine - auch politische Parteien die Brisanz des Themas erkannt. An dem Kongreß nahmen auch westliche Politiker teil, die sich teils schon jahrelang mit der Sektenproblematik befassen: Ortrun Schätzle und Alain Gest, die Präsidenten der Sekten-Enquetekommissionen im deutschen und französischen Parlament, sowie Ursula Caberta, die Scientology-Beauftragte des Hamburger Senats. Der CDU-Fraktionsvorsitzende im Landtag von Rheinland-Pfalz, Johannes Gerster, sprach sich gegen ein Verbot von Gruppen wie Scientology aus, plädierte aber für deren "offene Beobachtung" durch den Verfassungsschutz. Veranstalter Thomas Gandow vom Dialog-Center wertete den Austausch zwischen Ost und West als Erfolg, warnte aber: "Je stärker der Druck hier wird, desto stärker weichen die Sekten nach Osteuropa aus."
Der Preis der Freiheit
2. Osteuropa-Seminar "Jugendreligionen und Jugendokkultismus" tagte in Berlinvon Matthias Hartmann
Psychokulte und Sekten wie Scientology, Zeugen Jehovas oder die Mun-Bewegung sind in Mittel- und Osteuropa auf dem Vormarsch. Politisch Verantwortliche unterschätzen aber noch die Gefahr, die von ihnen ausgeht, für die gesellschaftliche und die individuelle Freiheit. Unbeschränkter religiöser Pluralismus gelte als Indiz für die politische Freiheit in der nach-kommunistischen Ära. Das berichten Kirchenvertreter, die sich Anfang Oktober in Berlin zum Informationsaustausch trafen. Eingeladen hatte Thomas Gandow, Sekten- und Weltanschauungsbeauftragter der Berlin-Brandenburgischen Kirche.
Neue religiöse Kulte und Psychosekten genießen großen gesetzlichen Spielraum, mitunter sogar finanzielle Förderung. Beispiel Ungarn. Rita Petrekanits, Mitarbeiterin des Ungarischen Parlaments in Budapest, berichtete, daß es in ihrem Land nicht schwer ist, eine "Kirche" zu werden: "Es reichen 100 Mitglieder, eine Organisation und eine Lehre. Damit geht man zum Gericht, meldet sich an und ist fortan als 'Kleinkirche' registriert."
Auch in anderen Staaten Osteuropas wird die Tätigkeit der Sekten allenfalls durch allgemeine Verfassungsgrundsätze oder weit gefaßte Strafgesetze beschränkt. Doch bedarf es dafür auch eines funktionierenden Staatswesens. Beispiel Rußland. Die Behörden sind sehr nachlässig bei der Verfolgung der Sekten, berichteten Vertreter der Orthodoxen Kirche. Mitunter gelingt es einzelnen Organisationen, gezielt Verwaltungsbehörden zu infiltrieren oder prominente Personen vor ihre Karren zu spannen. Kürzlich sei etwa Raissa Gorbatschowa zur Vizepräsidentin einer Tarnorganisation der koreanischen Mun-Sekte ernannt worden, so Alexander Dvorkin, Sektenexperte der Russischen Orthodoxen Kirche in Moskau.
Auch der Einfluß der Scientology-Sekte reiche bis in höchste politische Kreise. Der ehemalige Vizepräsident, Alexander Ruzkoj, zeigte sich mit der Scientololgy-Ideologie "Dianetik" vertraut, als er in einem Interview den Scientology-Gründer Ron Hubbard zitiert habe. Scientology war es sogar gelungen, eine offizielle Empfehlung des russischen Gesundheitsministeriums für ein Psychoprogramm zu erhalten, das in Westeuropa inzwischen längst als Gehirnwäsche berüchtigt ist. Nach zweijähriger intensiver Öffentlichkeitsarbeit von Alexander Dvorkin und seinen Mitarbeitern ist die Empfehlung jetzt widerrufen worden. Aufklärung, so das Fazit der Tagung, ist der Anfang der Gegenwehr. Noch aber sind die christlichen Kirchen in Osteuropa den straff organisierten und finanzkräftigen Heilsbringern unterschiedlichster Couleur unterlegen. Gezielte Gegenstrategien gibt es nicht. Vieles ist dem Engagement einzelner Enthusiasten überlassen. Internationale Informationseinrichtungen, wie das von Pfarrer Thomas Gandow initiierte Netzwerk "Dialog Center" befinden sich erst im Aufbau. Vorerst können die Kirchen nur ernüchtert feststellen, daß der Preis der politischen Freiheit, die auch sie in Mittel- und Osteuropa genießen, das Risiko für den erneuten Verlust individueller Freiheit birgt.
Der Beitrag von Matthias Hartmann erschien
zuerst in der Wochenzeitung "Die Kirche"
vom 13. Oktober 1996, Nr. 41"Aus BERLINER DIALOG 4-96, (c) 1996