Ein Brief aus London

Frühling 1997

von Ursula MacKenzie
Würde es Sie überraschen, wenn ich mitteilte, daß sich unsere Medien in letzter Zeit stark mit Scientology befaßt haben? Ich glaube kaum; denn bei Ihnen auf dem Kontinent gab es wohl ein noch viel reicheres Angebot. Zunächst ging es um britische Affären: Im letzten Brief an den Berliner Dialog erwähnte ich die uns bevorstehende Scientology-Fernsehreklame. Inzwischen haben wir davon eine Kostprobe bekommen: Eine Reihe von Gesichtern wird gezeigt; ansprechend lächelnde junge Menschen aller möglichen Rassen erscheinen einzeln, jedesmal gefolgt von dem Wort TRUST in Riesenbuchstaben. Wem vertraut diese Blüte der internationalen Jugend? Natürlich der "Church of Scientology"!

Kurz darauf griff die ITV-Sendung "The Big Story" das Thema auf. Es wurden ehemalige Scientologen, die verantwortliche Posten im Finanzbereich der Organisation innegehabt hatten, interviewt. Sie deckten auf, was ihnen dabei zwischen die Finger gekommen war nicht sehr empfehlenswert! und zwischendurch wurde immer mal eins der jungen Gesichter mit TRUST gezeigt. (Vertrauen? Zu so etwas?) Ein Vertreter von Scientology, behauptete natürlich, daß alles, was die beiden Ehemaligen berichteten, freie Erfindung wäre, aber er wirkte nicht überzeugend. Seine Argumente klangen lahm. So hoffen wir, daß dies Programm ein wirksames "Gegengift" für die Scientology-Reklame war.

Inzwischen haben die Medien auch auf den "Hollywood"-Brief an Kanzler Kohl reagiert. Ich hoffe, das ganze ist nur ein sprichwörtlicher Sturm im Wasserglas. Solche riesigen vollseitigen Anklagereklamen mit Unterschriftensammlung sind durchaus nichts Neues oder Vereinzeltes. Nachdem "Time Magazine" (USA) einen sehr kritischen Artikel über Scientology veröffentlicht hatte ("The Thriving Cult of Greed and Power" 6.5.1991) schlug die Organisation zurück und brachte nach und nach nicht weniger als 39 vollseitige Reklameartikel in "USA Today". Die ganze Sammlung wurde mir seinerzeit von Amerika zugeschickt. Einige dieser Seiten bestanden lediglich aus Scientology-Propaganda, andere attackierten die pharmazeutische Firma Eli Lilley, Hersteller von "anti-depressent" Tabletten; aber eine ganze Menge richteten sich gegen Time Magazine und zogen alles ans Tageslicht, was in der Geschichte der Publikation jemals (angeblich!) falsch berichtet worden war.

In Ausgabe 30 von "Impact", einer Scientology-Zeitschrift, heißt es drohend: "Wir sind keine PolizeiOrganisation. ABER wir interessieren uns für die Verbrechen von Leuten, die uns hindern wollen. Wenn Sie sich gegen Scientology stellen, suchen und finden und entlarven wir Ihre Verbrechen. Laßt uns in Ruhe, dann lassen wir Sie in Ruhe. So einfach ist das. Selbst ein Dummkopf kann es verstehen. Und unterschätzen Sie nicht unsere Fähigkeit, dies auszuführen..." Dies ist 6 Jahre her, aber es hat sich anscheinend wenig geändert. Anfang Januar starb Sir James Comyn, ein sehr angesehener Richter. Sein Tod weckte Erinnerungen: Er hatte den 6monatigen Verleumdungsprozeß der Mun-Bewegung gegen die Daily Mail geleitet (1980-81). Ich ging damals zu mehreren Sitzungen und fand den Richter höchst interessant. Eine kleine Szene ist mir besonders in Erinnerung: Der Anwalt für die Mun-Bewegung hatte das Wort und ließ sich aus über den angeblichen Reichtum der angeklagten Zeitung.

"Da müssen wir uns nun abplagen gegen diesen Goliath von Daily Mail..." Der Richter setzte sich auf und unterbrach, sein Gesicht voll amüsierter Neugier: "Und, darf ich fragen, wie Sie in diesem Zusammenhang Ihren Klienten bezeichnen würden?" Die Zuschauer in der Gallery genossen jeden Augenblick, aber der Anwalt wand sich vor Verlegenheit. "Well, David, Mylord!" brachte er schließlich hervor.

Der Richter lehnte sich zurück, strahlte triumphierend und sagte weiter nichts als "Indeed" ("Ach, wirklich!"). Damit war alles ausgedrückt! Mienenspiel kann oft viel mehr sagen als ausgeklügelte lange Sätze. Wir könnten mehr Rechtsgelehrte gebrauchen, die zu klaren Köpfen und Weisheit auch eine Portion Humor besitzen! Den Humor brauchte auch jeder, der von Sekten aufs Korn genommen wird. Wie schon einmal gesagt: Je weniger Notiz man nimmt, desto mehr ärgern sich die Angreifer. Ich hoffe sehr, daß Helmuth Kohl die Scientology-Propaganda mit der Verachtung straft, die sie verdient, einerlei wieviele Hollywoodgrößen ihren Namen einer Sache verschrieben haben, von der sie höchst wenig verstehen.

Keine Anerkennung von Scientology durch britische Einwanderungsbehörden In einem Schreiben vom 30.12.1996 behauptet die Scientologin Nadja Reinthal vom "Celebrity Centre Rheinland" der SO, das britische Home Office (Innenministerium) habe eine Entscheidung veröffentlicht, in der der SO "in England ab sofort der Status einer anerkannten Religionsgemeinschaft zuerkannt wird". Ein Sprecher des Home Office habe gesagt: "In der Vergangenheit haben wir Scientology nicht als Religion gesehen... Diese Position hat sich geändert und dies zeigt, daß wir tun, was wir sagen, nämlich, daß wir die Dinge kontinuierlich neu überprüfen."

Hintergrund ist eine Anfrage von SO-Rechtsanwälten an die Einwanderungsbehörde, nach der sie eine Einwanderungsgenehmigung für Scientologen als Missionare haben wollten. Dazu wäre es Voraussetzung, daß die SO in Großbritannien als Religion anerkannt wären. Der Sachbearbeiter wies die SO-Anwälte lediglich auf die geltenden Bestimmungen hin und ließ in seinem Schreiben offen, ob die SO-Mitglieder überhaupt unter die einschlägigen Bestimmungen fallen.

In einem Leserbrief an die Times vom 14.1.schreibt der zuständige parlamentarische Unterstaatssekretär Timothy Kirkhope bezüglich "früherer Berichte, die nahelegen könnten, daß es eine Änderung der Richtlinien in Bezug auf Scientologen gegeben haben könnte, die u.U. versuchen, in das Vereinigte Königreich als Geistliche, Missionare oder Mitglieder religiöser Orden einzureisen. Ich möchte die Sachlage klarstellen: Es hat keine Veränderung gegeben. Die Haltung der Regierung bleibt so, wie vom damaligen Innenminister 1980 festgestellt. Scientology wird nicht als Religion betrachtet in Bezug auf die Einwanderungsbestimmungen. Scientologen fallen daher nicht unter die Bestimmungen der Einwanderungsregeln, die sich auf Geistliche, Missionare oder Mitglieder religiöser Orden beziehen."

Ursula MacKenzie, 66, stammt aus Chemnitz und lebt seit 1955 in England. Nach über 16 Jahren Arbeit für FAIR (Family, Action, Information & Rescue), die britische Elterninitiative, die zugleich Beratungsund Hilfsdienst für Familien und Freunde von Kult-Betroffenen ist. Sie lebt jetzt im Ruhestand in London und schreibt exklusiv für den BERLINER DIALOG ihre regelmäßige Kolumne.

Aus BERLINER DIALOG 1-97, © 1997


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